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Immobilienwirtschaft und Denkmalpflege:Schweizer Abrisskommando

Dem Bagger fiel eines der ältesten Quartiere Europas zum Opfer. Ein Haus, datiert auf 1280, und eine Mühle direkt am Bach, datiert auf 1308.

(Foto: Ulrike Gollnick)

In Schwyz müssen Wohnhäuser einem Bauprojekt Platz machen. Aber hinter den Fassaden verbergen sich die ältesten Häuser des Ortes - und sind Denkmale von nationaler Bedeutung.

Mitten in dem Kantonsstädtchen Schwyz, in der schönsten Zentralschweiz, klafft ein großes schwarzes Loch. Dort standen einmal fünf schlichte Wohnhäuser mit schleppenden Dächern und kleinen Zwerchgiebeln. Als die Abrissgenehmigung erteilt wurde, ahnte kaum jemand, dass sich hinter den Fassaden des 19. Jahrhunderts die ältesten Häuser des Ortes verbargen.

Auf dem knapp 3700 Quadratmeter großen Areal soll bald "attraktiver Wohnraum" entstehen, "der sich harmonisch in die umliegende Bebauungsstruktur" einfügt. Attraktiv ist das vor allem für den Bauherren. Denn nachdem die Gemeinden am Zürichsee keinen ansprechenden Bauplatz mehr bieten können, wächst das Interesse der Immobilienwirtschaft an den zentralschweizerischen Südhängen mit Fernblick. Das klaffende Loch in Schwyz ist ein erstes Fanal. Die Urbanisierungswelle riss dabei die ältesten Häuser mit sich, die der Kanton, die Eidgenossenschaft - ja Europa besitzen.

Die Denkmalpflege konnte dabei nur tatenlos zu sehen, denn bei der Schnellinventarisierung wurden diese Häuser einfach übersehen. Ein Versäumnis, dass aktuell auch in deutschen Städten wie dem bayerischen Landshut, das inzwischen zum Großraum der 100 Kilometer entfernten Landeshauptstadt München gerechnet wird, immer wieder zum Verlust stadtbildender Mittelalterbauten führt. Denn bei den laufenden Nachinventarisierungen wird nicht gründlich gearbeitet. Der äußere Anschein muss genügen. Und der trügt.

Spätmittelalterliche Quartiersbildung

Der investorenfreundliche Gestaltungsplan des Schwyzer Dorfbachquartiers war deswegen schon in Kraft, die Abrissgenehmigung erteilt, da erlaubte sich der kantonale Denkmalpfleger doch noch einmal genauer hinzuschauen. Denn die Häuser waren merkwürdigerweise schon auf einer Karte aus dem Jahr 1746 verzeichnet, mussten also älter sein als das Erscheinungsbild es vermuten ließ.

Das Erschrecken von Historikern im ganzen Land war groß, als die beauftragte Bauforscherin, Ulrike Gollnick vom Atelier D'Archéologie médiévale in Moudon, die ersten dendrochronologischen, nach den Jahresringen der verbauten Holzbalken ermittelten, Daten lieferte. In jedem der Häuser steckte ein mittelalterlicher Blockbau. Der älteste stammte aus dem Jahr 1280 und war vermutlich die örtliche Schmiede. Direkt am Bach entstand 1308 eine Mühle. Nur drei Jahr später wurde in der unmittelbaren Nachbarschaft ein weiteres großes Blockhaus errichtet.

Die spätmittelalterliche Quartiersbildung steht damit in zeitlichem Zusammenhang mit dem um 1300 zunehmenden Handel über den Gotthard-Pass. Mehr noch, diejenigen, die diese Häuser hier aufschlugen, der Schmied und der Müller, gehörten wahrscheinlich zu den ersten "Eidgenossen", die auf dem Sattel bei Morgarten im Jahr 1315 die Steine gegen das österreichische Heer ins Rollen brachten.

Die Schwyzer sind mächtig stolz auf diese Geschichte. Die Kantonsstadt bewahrt den Bundesbrief von 1315 auf, mit dem die "Eidgenossen" aus Uri, Schwyz und Unterwalden nach der überraschend erfolgreichen Schlacht ihr Bündnis bekräftigten. Es ist das Ur-Schweizer Dokument.