Im TV: "Tatort" Dieser Kräutertee knallt gar nicht

Beim Qualm der Jungfrau: Im neuen "Tatort" verlaufen sich die Kommissare Batic und Leitmayr im dunklen Wald der Esoterik.

Von Gerhard Matzig

Schon das erste Bild macht deutlich, dass dieser München-Krimi mit Miroslav Nemec (als Kommissar Ivo Batic) und Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr) ein großes Missverständnis ist. Weil er sein Thema nicht ernst nimmt und sich in etlichen billigen Klischees erschöpft, kommt nicht das heraus, was sich Drehbuch (Markus Fenner) und Regie (Thomas Roth) offenbar vorgenommen hatten: den großen Lacher. Der Tatort, ostentativ bemüht um Humor, Witz und Heiterkeit, verspielt auf diese Weise ein an sich interessantes und aktuelles Thema, dem man Relevanz zubilligen müsste. Hätte man das getan, wäre dieser ungewöhnlich schwache München-Tatort wohl nicht so langweilig geraten.

Irgendwo zwischen Räucherstäbchen und Hellseherei suchen die Ermittler Leitmayr (Udo Wachtveitl, mi.) und Batic (Miroslav Nemec, r.) ihren Mörder.

(Foto: Foto: BR)

Das erste Bild also: Zu sehen ist eine Villa im Grünen, ein Balkon - und ans Geländer drapiert: das bekannte, bunte Plakat, das mit dem Irakkrieg und als Signet der pazifistischen "Pace"-Bewegung Einzug in viele deutsche Haushalte fand. Das Pace-Plakat ist als Requisite kein Zufall, denn die Inszenierung dieses Krimis im Bannkreis von Schloss Nymphenburg legt großen Wert auf alles, was irgendwie nach Esoterik aussieht. Sei der Zusammenhang auch noch so lächerlich. Denn schließlich, was hat der Pazifismus mit einem Tatort-Personal zu tun, dem die Regie aufgetragen hat, möglichst ätherisch, möglichst kauzig, versponnen und schon deshalb möglichst verdächtig zu erscheinen? Eben nichts.

"Wir haben auch Nachricht"

Es ist fast schon ärgerlich, wie niedrig das Niveau angesetzt wurde, auf dem sich Batic ("Psivo") und Leitmayr mit dem Thema Esoterik auseinandersetzen müssen. Dabei geht es schlicht um eine tote Fernsehastrologin. Die aber wird ausgestattet mit allerlei oberflächlich Zusammengereimtem aus dem Psi-Umfeld, wo Parapsychologie, Telepathie und Hellsehen nicht mal ansatzweise auseinandergehalten werden.

Stattdessen bestand die Regie darauf, auch nächtliches Nordic-Walking, allerlei streng riechende Teesorten, eine sogenannte Kräuterhexe, Räucherstäbchen und Runen zu bemühen. All dies wird mit der Geschichte von der toten Astrologin und einigen Verdachtsmomenten wie Erbschleicherei oder Seitensprung sowie mit Hilfe ständiger Witzeleien zu einem Esoterik-Gebräu verdichtet - beziehungsweise, ja richtigerweise: verdampft. Ein Verdächtiger muss sagen, dass er mit Erzengeln in Verbindung stehe und tätig sei auf dem Feld der Energiearbeit. Und Leitmayr muss fragen: "Energiearbeit? Bei den Stadtwerken?" Und wenn der Verdächtige sagt, dass er zur Jungfrau Maria durchgedrungen sei und von ihr eine wichtige Nachricht erhalten habe, dann muss der Kommissar sagen: "Wir haben auch Nachricht. Ihr Alibi ist geplatzt." Derlei RTL-Komik ist die Fallhöhe dieses ARD-Missgriffs.

Aus dem Reich des Glaubens und dem des Wissens, aus den Gefechten der klassischen Wissenschaft mit jenen Disziplinen, die um ihre Anerkennung kämpfen müssen, hätte man durchaus einen kriminalistisch und psychologisch anspruchsvollen Tatort machen können. Aber hier wurde das Thema nur niedergekalauert. Der Krimi als Komödie ohne jeden Geist: Das ist in jedem Fall falsch, egal, ob man nun mehr oder weniger Dinge zwischen Himmel und Erde vermutet.

Besonders unglücklich ist es für die Schauspielerin Sabine Timoteo, die als Ersatz von Michael Fitz (als Oberkommissar Carlo Menzinger) eingeführt wird. Sie spielt gut, muss aber ihre Schweizer Abstammung im Zeichen des Komödiantischen derart überdeutlich zur Sprache bringen, dass das schon bald nerven wird. Ihr ist ein besseres Drehbuch zu wünschen. Und der ARD bessere Kontakte in fremde Sphären.

Tatort - "Gesang der toten Dinge", ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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