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Im TV: "Durch die Nacht mit...":Gag mit Gleitcreme

Trübe Inszenierungen und schale Worte: Die Nachtgestalten Kai Diekmann und Henryk M. Broder fahren für Arte in der Axel-Springer-Limousine durch Berlin.

Hans-Jürgen Jakobs

Der eine ist smart, trägt gute Anzüge zu gegelten Haaren, stand stets eher rechts von der Mitte und kann mit 44 Jahren noch Hoffnung auf weitere Karriereschritte hegen. Der andere ist klein, untersetzt, legt auf Kleidung augenscheinlich keinen großen Wert, nennt sich "links" und will mit 62 nicht mehr groß etwas werden.

Schlägt sich mit Spiegel-Reporter Henryk M. Broder die Nacht um die Ohren: "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.

(Foto: Foto: ap)

Aufs Erste also eine prima Idee des Kultursenders Arte, für seine Reihe "Durch die Nacht mit..." den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit dem Spiegel-Reporter Henryk M. Broder zu paaren. Der Gegensatz könnte mächtig Funken schlagen. Was am Ende aber bleibt, ist der Eindruck schaler Inszenierungen, die brechen.

Der Job von Journalisten ist es, andere zu befragen und zu beschreiben. Wenn sie selbst die Hauptrolle spielen, neigen sie jedoch zur Überperfektion in Wortwahl und Gestus, weil sie ja zu wissen glauben, was beim Publikum ankommt. Das macht eine TV-Nacht mit Spitzenleuten der Branche zur fortgesetzten Spiegelfechterei um das beste Drehbuch und die richtige Pointe.

Verblüffenderweise schneidet der Mann von Bild dabei besser ab. Sicher, die permanenten Controletti-Anrufe in der Redaktion ("Zu Minu gibt's noch mehr Text") mit dem roten Diensthandy machen ihn nicht sympathischer, und der Gag im Restaurant - die Wurst auf dem Teller gilt als "Pferdepimmel mit Gleitcreme" - verträgt keine Lacher. Aber es ist auch viel Nachdenklichkeit zu erkennen über die Themen von Bild: "Man muss nicht alles tun, was erlaubt ist." Als sich Diekmann angesichts des Wortschwalls seines Gesprächspartners beim ungewohnten U-Bahn-Fahren ins Schweigen rettet, wirkt er ausgesprochen menschlich.

Henryk M. Broder dagegen spielt seine Rolle als Provokateur vom Dienst mit der Manie eines Schulmeisters. In den Sechzigern hat er gegen Axel Springer demonstriert, jetzt sitzt er in der dicken Dienstlimousine des Verlagshauses und freut sich königlich. Für den Abend hat er ein Sortiment lustiger Kopfbedeckungen gewählt, etwa eine arabische Mütze, die er passend zur Lage einsetzt. Wie gehabt stichelt der Autor gegen Israel-Feindlichkeit, Gutmenschen und Political Correctness - und bringt immerhin den Witz ein, dass Diekmann bei seiner Papst-Audienz statt der "Volksbibel" vielleicht doch besser "die Mädchen von Seite eins" überreicht hätte.

Das wäre mal etwas gewesen, besser jedenfalls als das alte, etwas muffige West-Berlin, das die beiden Journalisten vorführen. Im Übrigen sind sie vereint im Kummer über die Entpolitisierung, die "Irren" im Internet, den "langweiligen Stern", die Sozialdemokratisierung fast aller Parteien - und natürlich die bösen 68er.

Am Ende der Soiree ist es gespensterleer, als das ungleich gleiche Duo durch das Druckhaus Berlin-Spandau wandelt, wo druckfrische Bild-Ausgaben über die Bänder laufen. Hier wirkt Diekmann wie die Inkarnation des Verlegers, der sagt, Zeitungsdruck zu erleben, das mache demütig. Der Polemiker an seiner Seite kann dann nur noch nicken und verabschiedet sich mit "Verehrung". Eine Kolumne auf Bild wird dem Spiegel-Mann auch nach diesem netten Abend versagt bleiben - es gibt da keinen Bedarf. "Ich hab auch meinen Broder", sagt Diekmann, "und der heißt Franz Josef Wagner."

Durch die Nacht mit Henryk M. Broder und Kai Diekmann, Arte, 23.40 Uhr.

© SZ vom 22.01.2009/holz
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