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Im Porträt: Chistopher Nolan:Bloß kein Eigenlob

Dazu passt sein oft stoischer Gesichtsausdruck mit den hängenden Mundwinkeln, den ein zufriedenes Lächeln so selten unterbricht wie sichtlicher Unmut. Ehrlich gesagt sieht Christopher Nolan bei der Arbeit ziemlich gelangweilt aus. Das Drehen eines Films, kommentiert er später auch, erinnere ihn immer an "Malen nach Zahlen", weil die Szenen in seinem Kopf eben längst komponiert seien, und die Realisierung allzu viel tote Zeit verschlinge. Malen nach Zahlen. Was Genies eben so daherreden, um ja nicht nach Eigenlob zu klingen.

Christopher Nolan

Christopher Nolan redet viel um den heißen Brei herum und bricht sich fast die Zunge beim Versuch, über seinen persönlichsten und teuersten Film (hier ein Bild von der Premiere) zu sprechen, ohne sich zu sehr in die Karten blicken zu lassen.

(Foto: ap)

Sehr viel tiefer kann man nicht stapeln. In ähnlicher Manier wehrt Nolan jede Frage ab, die auf seinen Status in der Branche zielt. Da windet er sich, als sei es ihm unangenehm, in seinem Alter bereits ein Star-Regisseur zu sein. Als habe er nach "Memento", "Insomnia" oder "Batman Returns" nicht "The Dark Night", den dritterfolgreichsten Film aller Zeiten, gedreht. Als gelte er nicht als Wunderknabe der Industrie, dem das Filmstudio Warner Bros. unlängst die Schlüssel zum Königreich in die Hände legte, als es ihm neben "Batman" auch noch seine wichtigste Markenfigur "Superman" für einen Serien-Neustart anvertraute.

Wenn Nolan überhaupt ein Ego hat, dann äußert sich das allenfalls in seiner Uniform. Wo immer man ihn trifft: Garantiert trägt er einen dunklen Dreiteiler. Am Hemd dazu ein paar Knöpfe geöffnet, auch am "Inception"-Set, ungeachtet des Atelierstaubes, der sich in dicken Schlieren auf den feinen Zwirn legt. Bemerkenswert ist Nolans Stiltreue nicht aus modischen, sondern aus symbolischen Gründen. Ganz ähnlich wie Rollkragenpullovermann Steve Jobs signalisiert Nolan nach außen, dass er Wichtigeres zu tun habe, als sich täglich über neue Garderoben Gedanken zu machen. An Zufall mag man dabei nicht glauben Nolan ist einer aus der neuen Generation regieführender Unternehmer, die sich wie einen organischen Teil ihres Gesamtwerkes und mit Popstar-Popularität inszenieren.

So wie der Texaner Robert Rodriguez ("Sin City") nie ohne Cowboykluft zu sehen ist, Wes Anderson ("The Life Aquatic") seiner Exzentrik mit Vorliebe in braunen Cordanzügen Rechnung trägt oder James Cameron ("Avatar") mit wehendem weißen Haar der Weisheit den Bono des Kinos gibt, wirkt auch Christopher Nolan wie ein persönlicher Botschafter seiner Stoffe. Er macht Filme über schweigsame, professionelle, urbane Männer, die sich einsam ihren Weg zum Ziel bahnen. Eine Charakterisierung, mit der auch Nolan wohl gut leben könnte. Wer noch nie einen seiner Filme gesehen hat, muss sie sich als Thriller vorstellen, die zum Beispiel mit einem wahnwitzigen Banküberfall beginnen und dann geschwind an Fahrt aufnehmen. Den Adrenalinspiegel des Zuschauers wollen auch andere hochpumpen. Aber Nolans Spezialdisziplin sind Hauptfiguren, die gemeinsam eine Migräne-Selbsthilfegruppe gründen könnten.

In "Memento" kämpft Guy Pierce gegen Amnesie an, in "Insomnia" wird Al Pacino bald verrückt vor Schlafentzug, und "Inception" spielt nun fast komplett in den schmerzenden Köpfen der Protagonisten. "Ich beschäftige mich seit meiner Jugend mit Traumforschung und Neurologie", sagt Nolan, "und bin ungebrochen fasziniert von den unerforschten Gedankenwelten, die jeder mit sich trägt. Die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns, gespaltene Persönlichkeiten aufzubauen oder im Schlaf einekomplette Parallelrealität zu erfinden, standen bisher am Anfang jeden Stoffes, für den ich mich entschieden habe."