Im Kino Zwischen Baumarkt und Bordell

Seit Horst Schimanski fluchte niemand so schön auf der Leinwand: Der große Schauspieler Sepp Bierbichler wütet durch Hans Steinbichlers Film "Winterreise".

Von Rainer Gansera

Schon imposant, wie Sepp Bierbichler alias Franz Brenninger, Eisenwarenhändler im bayerischen Wasserburg, mit dem Wort Arschloch um sich wirft.

Josef Bierbichler und Sibel Kekilli in "Winterreise".

(Foto: Foto: X Verleih)

Ein Bannwort mit heftigen Zischlauten und Vokalen, die sich in jede Nuance der Verächtlichkeit dehnen lassen. Ein Fluchwort, geschleudert gegen das Personal einer schnöden, undankbaren, kleinkarierten Welt. Jeder bekommt es ab: Der Bote, der eine Mahnung zustellt, der Bankangestellte, der den Kredit verweigert. Sogar der eigentlich wie eine Reliquie verehrte Klavierauszug von Schuberts Liederzyklus "Winterreise" fliegt mit einem "Schubert-Arschloch" ins Eck. Wenn Brenningers erwachsener Sohn besorgt sagt "Papa, du bist krank", erhält er die Antwort: "Was geht denn dich das an, Versager. Ich bin einfach nur gut drauf, du Arschloch!"

Brenninger wütet, wird zur tragisch-lächerlichen Figur. Seine große Zeit ist vorbei, er steht vor dem Bankrott, und will es nicht wahrhaben. Zu Beginn, in der Kirche, singt er mit überlauter Stimme das "Großer Gott wir loben dich". In dieser Stimme ist schon alles drin, das forcierte Tremolo und die fistelnde Brüchigkeit.

Von Anfang an intoniert Bierbichler die innere Zerwühltheit des Brenninger mitreißend, mit melodramatisch vibrierender Geste, ohne Furcht vor den jämmerlichen, abstoßenden Aspekten der Figur. Brenninger singt gegen den müden Gemeindegesang an, als wolle er die Zeit wieder herbei- zwingen, in der das "Großer Gott wir loben dich" noch der donnernde Abschluss eines prächtigen Hochamts war.

In dieser unwiderruflich vergangenen Zeit war Brenninger als mittelständischer Unternehmer ein angesehener Mann, ein Platzhirsch am Ort. Die derb polternde Hohlform seines Platzhirsch-Gehabes ist nun die Art seiner Selbstinszenierung. Den Prostituierten im Bordell erklärt er die ökonomischen Gründe seines Niedergangs und zählt die Baumarkt-Großunternehmen auf, die ihm das Wasser abgegraben haben. Er war ein Wirtschaftwunder-Gewinner und kann sich jetzt nicht damit abfinden, ein Modernisierungs-Verlierer zu sein.

Das Angesehensein

"Winterreise" ist als Charakterporträt die genaueste Beschreibung heutiger Ängste vor der sozialen Deklassierung im Mittelstand. Brenninger kann den Verlust seines Ansehens nicht verwinden. Gesellschaftlich ist das Angesehensein das ganze Sein. Es sind nurmehr verwunderte, abschätzig-spottende, bestenfalls mitleidige Blicke, denen er sich ausgesetzt sieht. Also wütet er gegen die bösartige Weltverschwörung, gegen die Arschloch-Welt, und man geht ihm aus dem Weg wie einem kläffenden Köter.

Brenninger schraubt sich hemmungslos in sein Verhängnis hinein. Er trumpft großsprecherisch auf, stülpt sich Kopfhörer über, beschallt sich mit Rockmusik, tanzt nackt am Panoramafenster seiner Villa. Im nächsten Augenblick bricht er zusammen, Panik im Blick.

Wenn seine Frau (Hanna Schygulla) ihn dann beschwörend fragt "Franz, was ist denn in dir drin?", stammelt er nur: "Alles dunkel!" Zu allem Überfluss geht er einer kenianischen Betrügerbande auf den Leim. So kommt es, dass der Film aus der in kalten Blautönen geschilderten bayerischen Winterlandschaft ins sonnenverbrannte Kenia überwechselt und sich mit einer hautnahen, beinahe dokumentarischen Kamera ins Großstadtgetümmel Nairobis stürzt.

Brenninger will sich, begleitet von der jungen Übersetzerin Leyla (Sibel Kekilli), das Geld, um das er betrogen wurde, zurückholen. Schließlich streift er als einsamer Wolf durch die afrikanische Landschaft, beinahe wie der Held eines Spätwestern, der von der modernen Zeit überrollt wurde und in einem letzten Akt seine Selbstachtung wiedergewinnen will. Bevor er endgültig verschwindet.

"Winterreise" erzählt eine Passionsgeschichte: Von einem, der nicht nur sozialen Gesichtsverlust erleiden musste, sondern auch seinen Lebenstraum, Sänger zu werden, unverwirklicht ließ. Todes- und Erlösungssehnsucht halten sich die Waage.

Ein romantisches Konzept, das sich auch visuell zu erkennen gibt: Wenn in weiten Landschaftstotalen - mit der Rückenansicht des Helden und kahlen, schicksalshaft ragenden Bäumen - auf Gemälde Caspar David Friedrichs angespielt wird. Konsequent konzentriert sich Regisseur Hans Steinbichler auf die Stimmungslagen seines Helden. Stimmungen sind nicht einfach Launen, ephemer und flüchtig, sondern - wie Heidegger bemerkte - das, "worin sich das Dasein als das Seiende erschließt". In Brenningers rabiat wechselnden Stimmungen spricht sich der existentielle Kern seines Weltbezuges aus.

Schon in seinem wilden, voralpenländischen Familiendrama "Hierankl" (2003) zeichnete Steinbichler (Jahrgang 1969) mit Bierbichler (Jahrgang 1948) eine heftig schillernde Vaterfigur. Hier stellt er ihn ins Zentrum - "mein Interesse an diesem Film war, den Sepp Bierbichler auszuloten!" - und malt die von Widersprüchen berstende Vaterfigur grandios aus.

Dass die beiden Frauen an Brenningers Seite nur am Rande agieren, gehört zur Passions-Dramaturgie. Kein Zufall, dass Sibel Kekilli und Hanna Schygulla in Großaufnahmen wie votivartige Marienbildnisse kadriert sind. Der Leidensmann in der Mitte darf die Diva sein. Er muss all seine Wunden, Schwächen und Monströsitäten herzeigen.

WINTERREISE, D 2006 - Regie: Hans Steinbichler. Buch: Martin Rauhaus. Kamera: Bella Halben. Musik: Antoni Lazarkiewicz. Mit: Josef Bierbichler, Sibel Kekilli, Hanna Schygulla, Philip Hochmair, Anna Schudt, Johann von Bülow, André Hennicke, Brigitte Hobmeier, Klaus Manchen. X Verleih, 96 Minuten.