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Im Kino: Zweiohrküken:Bitte nicht hauen

Pups- und Peniswitze unter eierschalfarbenen Schutzbezügen: Til Schweigers "Zweiohrküken" mit Nora Tschirner lässt doch tief ins Herz seines Machers blicken.

Sie wendet sich direkt ans Publikum und spricht über Ludo, ihren Freund. Am liebsten möge er "Oralsex, und zwar bis zum Schluss", was aber kein Problem darstelle, "denn er schmeckt ja auch wunderbar". Dazu zwinkert sie dem Publikum verschwörerisch zu. Weil Ludo auf große Brüste stehe, habe sie, erklärt sie weiter, eine Überraschung für ihn vorbereitet - der Reißverschluss ihres Overalls enthüllt einen nackten Riesenbusen, der seltsam starr erscheint - eine Plastikattrappe. In diesem Moment schneidet der Film zum ersten Mal auf das Gesicht des schlafenden, träumenden Til Schweiger, der sich all das offenbar imaginiert. Da lacht das Publikum, das die Zoten zuvor mit eher ungerührter Stille quittiert hat.

Mit der Ansage, dass kein Kritiker den Film vorab sehen dürfe, hat Til Schweiger so manchen Giftzwerg schwer in die Zange genommen.

(Foto: Foto: Filmstarts)

Wenn Schweiger dann, nur wenig später im Film, in einer Art Ganzkörper-Schlafanzug mit aufgedruckten Teddys aus dem Bett steigt, kennt die Heiterkeit plötzlich keine Grenzen mehr. Sie hält fast die halbe Szene lang an - und erste Fragen drängen sich auf. Der Mann kann seine Fans offenbar mit einfachsten Mitteln unterhalten, indem er sich selbst zum Affen macht - aber warum betreibt er dann so einen Aufwand mit Anzüglichkeiten und quasi-pornographischen Anspielungen, mit Brustattrappen und - ein wenig später im Film - auch noch mit einem Riesenpenis als Spezialeffekt?

Es ist, als würde er seinen erkennbaren Stärken nicht trauen, als habe er nur zur Sicherheit die gröbsten Humorgeschütze aufgefahren: "Keinohrhasen" hatte mehr als sechs Millionen Besucher, und es kam keine einzige Attrappe eines Geschlechtsteils vor, ja nicht einmal eine Fäkalie, die in Plastiktüten durch die Gegend getragen wurde - ein weiteres "Highlight" des neuen Films. Til Schweiger, so hat man den Eindruck, betrachtet es inzwischen selbst als Wunder, dass ihm ein solcher Erfolg gelungen ist - und er hat keine Ahnung, wie er ihn wiederholen sollte. Nur deshalb packt er jetzt die ganzen schweren Zoten aus, nur deshalb wirken viele Szenen, als wären sie eine Art Schutzschild gegen den Misserfolg. Und nur deshalb scheinen alle Auftritte so laut, so überzeichnet, so garantiert unmissverständlich zu sein.

An dieser Stelle zieht die Dekoration des Films die Aufmerksamkeit auf sich. All die verschiedenen Räume, in denen das Filmpaar Ludo und Anna, gespielt von Til Schweiger und Nora Tschirner, endlose Beziehungsdiskussionen führt, in die Riesenschwänze in die Kamera hängen und Fäkalien in Slapstickeinlagen gejagt werden, sehen gleich aus: Lichtdurchflutet. Naturholzig. Sisalgeknüpft. Korbgeflochten. Eierschalenfarbene Schonbezüge über den Sesseln. Überall, wohin man auch schaut, dieses Eierschalenweiß. Das Bedürfnis nach Harmonie, das aus diesen Filmräumen spricht, ist für einen Augenblick überwältigend. Filme seien wie Kinder, hat Til Schweiger vor kurzem gesagt: Man möchte einfach nicht erleben, wie sie verprügelt werden.

Mit der Ansage, dass kein Kritiker den Film vorab sehen dürfe, hat Til Schweiger andererseits so manchen Kollegen schwer in die Zange genommen. Nimmt man seinen Kritikerbann beim Wort, wie soll man dann die doch sehr klaren Bewertungen verstehen, die schon vor dem Start über "Zweiohrküken" zu lesen waren? Hier eine Auswahl: "charmant-schlüpfrige Fortsetzung" (Cinema); "wahrhaftige Spielweise" (Berliner Zeitung); "wird noch erfolgreicher als der Vorgänger" (Bild); "beste Voraussetzungen für einen launigen Kinoabend" (Gala); "bezaubernde Komödie" (Emotion); "wieder unglaublich lustig" (Elle); und "brüllend komisch" (Cosmopolitan).

Das kann nun tatsächlich zweierlei bedeuten: Entweder ist Til Schweiger ein großer Trickser und hat seinen Film doch heimlich einigen Journalisten gezeigt - und diese haben sich für die besondere Ehre dann prompt mit den freundlichsten Adjektiven bedankt. Oder aber es hat wirklich kein einziger Kollege den Film gesehen, aber viele fühlten sich durch Schweiger, das Massenphänomen, so sehr unter Druck gesetzt, dass beim Zermartern ihrer leeren Hirne auch wieder nur die freundlichsten Adjektiven herauskamen.

Am Ende des Films weint Til Schweiger lange und ausgiebig, obwohl seine Liebe gerade zu ihm zurückgekehrt ist. Zuvor, als Transvestit verkleidet, hatte er plötzlich nicht mehr ausgesehen wie 45, sondern wie 65. Es war bewegend, denn plötzlich offenbart sich in diesem ehemals schönen Mann aus der Lindenstraße eine Verletzlichkeit, mit der man nicht gerechnet hätte. Stecken in diesem Film vielleicht doch seine wahren Erkenntnisse über Mann und Frau, über Liebe und Verlust, Erfolg und Vergänglichkeit? Ist "Zweiohrküken" sein "Szenen einer Ehe", versteckt unter einer dünnen Hülle aus Pups- und Peniswitzen wie unter eierschalfarbenen Schutzbezügen?

Auf dem Nachhauseweg sieht der Kritiker einen Werbeaufsteller der Abendzeitung, der in großen verblassten Lettern eine vergangene Sensation verkündet: AZ sah "Zweiohrküken". Kurz überlegt er, ob er mit Kugelschreiber "Ich jetzt auch" dazukritzeln soll. Dann lässt er es bleiben.

© SZ vom 04.12.2009/iko

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