bedeckt München 23°

Im Kino: Winter's Bone:Ein Fall von Backwoods-Justiz

Solche Phantasmen sind präsent, auch in diesem Film. Sie sind immer präsent, wenn die Baumriesen höher werden und die Zivilisation zurückbleibt, wenn eine Geschichte die Asphaltstraße des Highways verlässt, um in einen ominösen Waldweg einzubiegen. Das Odium der Gefahr, dass den Fremden dort erwartet, ist schon so völlig verinnerlicht, dass es gar nicht mehr eigens thematisiert werden muss.

Doch Ree, die Gefangene des Maschinenschuppens, ist keine Fremde. Sie ist Teil der Familie, ein Mitglied des Clans, der hier nun zusammenkommt, um über ihr weiteres Schicksal zu befinden. Das ist das Neue, das Einzigartige an diesem Film. Winter's Bone hat dafür auf dem Sundance Festival den Großen Preis gewonnen, und - als vielgeliebter Außenseiter - mit vier Nominierungen bei den Oscars mitgemischt.

Daniel Woodrell, der Autor der Romanvorlage, stammt aus der Gegend. Die Ozark Mountains, die sich von Missouri aus über mehrere Bundesstaaten erstrecken, sind ein Gebiet fast so groß wie Griechenland. Aber hier soll es einmal nicht um das gehen, was Stadtmenschen an Angst und Angstlust in diese endlosen Wälder mitbringen - hier sollen sie anfangen, selbst zu sprechen. Und das passiert dann auch.

Viel reden sie allerdings nicht, das muss man gleich dazusagen. Und weniger harsch erscheinen sie anschließend auch nicht. Die zurückgenommene, wunderbar sinnliche Inszenierung von Debra Granik schafft aber etwas anderes: Wer in diesem Film ein Eichhörnchen sieht, denkt zuerst an das Hungergefühl im Magen, das damit gestillt werden könnte. Wer hier einen Stapel Brennholz taxiert, überschlägt im Kopf die Stunden, die noch bleiben, bevor sich die Kälte wieder durch die Wände frisst...

Und Ree im Maschinenschuppen, sie wurde wegen ihrer Hartnäckigkeit zusammengeschlagen, aber nun darf sie endlich reden vor dem Patriarch des Clans. Sie richtet sich auf und sieht dem alten Mann in die Augen: "Ich hab' zwei Kinder zu Hause, die sich noch nicht selbst versorgen können. Ich habe eine Mutter, die nie mehr gesund werden wird. Wenn mein Dad einen Fehler gemacht hat, hat er bezahlt. Ich muss nicht wissen, wer ihn getötet hat..."

Ein Fall von Clanjustiz, von Backwoods-Justiz. Rees Vater hat die Droge Meth gekocht, wie so viele hier, und er ist erwischt worden. Aber er hat noch mehr getan. Ree ahnt, was passiert ist - aber sie bräuchte Gewissheit. Nur wenn sie ihren Vater findet, bekäme sie die Kaution für ihn vom Gericht zurück, und ohne diese Kaution wird ihr Haus in den nächsten Tagen zwangsgeräumt: "Wir werden dort rausgeworden und aufs Feld gejagt, wie Hunde."

Die Schauspielerin Jennifer Lawrence, die mit Winter's Bone zum Star geworden ist, spuckt diese Worte trotzig aus ihrem blutigen Mund hervor - als Fakten, die weder Mitleid noch Trost verlangen. Ree will nur endlich gehört werden, und das wird sie auch. Wie viel Tapferkeit sie aber noch brauchen wird, bis sie am Ende ihrer unvergesslichen Reise ankommt - das ahnt sie noch nicht.

WINTER'S BONE, USA 2010 - Regie: Debra Granik. Buch: Granik, Anne Rosellini. Kamera: Michael McDonough. Mit Jennifer Lawrence, John Hawkes, Dale Dickey, Verleih: Ascot Elite, 104 Min.

  • Themen in diesem Artikel: