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Im Kino: Wie durch ein Wunder:Geister, die wir riefen

Statt mit jugendlichem Elan seine Zukunft anzupacken, verharrt Charlie trauernd in der Vergangenheit und trifft sich jeden Abend mit dem Geist seines toten Bruders zum Baseball: Zac Efron, erstarrt in fotogener Traurigkeit.

Anke Sterneborg

Wenn es darum geht, die Jugendlichen von fleischlichen Verlockungen fernzuhalten, sind den amerikanischen Sittenwächtern alle Mittel recht. Dann holen sie sich sogar Unterstützung von Vampiren und Spukwesen: Nach den "Twilight"-Saugern sind es hier die Geister aus dem Zwischenreich, die an einem schmucken Teenager zerren, ihm mit Schmerz und Schuld so zusetzen, dass er nicht zu eigenem Leben findet.

Nach dem Verlust des Vaters ist der Junge mit dem vieldeutigen Namen Charlie St. Cloud die wichtigste Bezugsperson für seinen kleinen Bruder Sam. Hoch und heilig verspricht er am Anfang von "Wie durch ein Wunder", ihn nie zu verlassen. Ein Versprechen, das er auch dann nicht brechen will, als Sam bei einem schweren Unfall stirbt.

Zac Efron, der diesen Charlie spielt, bewegt sich zwischen den luftigen Albernheiten der "Highschool"-Musicals, in denen er zum umschwärmten Teenie-Idol wurde, und der Sehnsucht nach einer ernstzunehmenden Schauspielerkarriere. In "Me and Orson Welles", immerhin in Szene gesetzt von Richard Linklater, gelang ihm überzeugend der Sprung ins Arthouse-Fach. Diesmal darf er sich noch weiter hinauslehnen - zumindest in einigen Segelszenen, in denen er mit jugendlichem Übermut sein Boot durch einen harten Wettbewerb manövriert.

Nachdem er unter der Regie von Burr Steers schon in der romantischen Zeitsprung-Komödie "17 Again" zwischen Teenie-Hoffnungen und Midlife Crisis balancierte, stürzt er sich jetzt also in ein übersinnliches Westküsten-Abenteuer. Statt mit jugendlichem Elan seine Zukunft anzupacken, verharrt Charlie trauernd in der Vergangenheit; statt ans renommierte Stanford College zu gehen, bleibt er im kleinen Heimatort an der Nordwestküste und arbeitet als Friedhofsgärtner; statt die Liebe auszuprobieren, trifft er sich jeden Abend, wenn die Kanone im Hafen zum Sonnenuntergang ihren Schuss abgibt, mit dem Geist seines toten Bruders. Zum Baseball.

Charlie St. Cloud ist die Verlässlichkeit in Person, immer präsent wenn gebraucht, aber immer außerhalb der Gesellschaft, mit den Toten hat er intensiveren Umgang als mit den Lebenden. So hätte "Wie durch ein Wunder" das Zeug zu einem hübschen, romantischen Melodram mit düsteren Untertönen, wenn Burr Steers sich nur ein wenig vom subversiv schrägen Charme seines Debüts "Igby" bewahrt hätte; wenn er nicht ganz so dick auftragen würde, mit verwunschenen Friedhofsszenerien, idyllischen Küstenlandschaften, romantischen Sonnenuntergängen und penetranter Musik; und wenn er tollen Schauspielern wie Kim Basinger und Ray Liotta mehr Raum zur Entfaltung gegeben hätte. So trauert man den vertanen Möglichkeiten nach wie die Hauptfigur ihrem verstorbenen Bruder. In dem Moment, wo Charlie am Ende durch die Liebe erlöst wird, könnte ein ganz anderer, frecherer Film beginnen..

CHARLIE ST. CLOUD, USA 2010 - Regie: Burr Steers. Buch: Craig Pearce, Lewis Colcik nach dem Roman von Colin Sherwood. Kamera: Enrique Chediak. Mit: Zac Efron, Charlie Tahan, Amanda Crew, Kim Basinger, Ray Liotta. Verleih: Disney, 99 Minuten.

© SZ vom 07.10.2010/kar

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