"Westwind" im Kino Republikflucht im Käfer

Zu einer verflixten Gefühlsmischung gesellt sich in Robert Thalheims "Westwind" ein Problem politischer Art: Der Hamburger Arne will seine Freundin aus der DDR zur Republikflucht überreden, löst dadurch jedoch eine traumatische Beziehungskrise aus. Ein Film über eine wahre Begebenheit, der vor allem eines geschickt vermeidet: Typische Ost-West-Klischees.

Von Rainer Gansera

"Es hat sich noch nie so angefühlt", sagt Doreen (Frederike Becht) und meint das Verliebtsein. Sie lächelt verträumt: mehr mit den Augen als mit dem Mund. Ihre Zwillingsschwester Isabel (Luise Heyer) bemerkte schon zuvor, dass da "etwas Ernsteres" im Gang sei zwischen Doreen und Arne (Franz Dinda). Zwillingsschwestern sind wie kommunizierende Röhren: Intuitiv teilen sie sich ihre Gefühlslagen mit. Isabel ist eifersüchtig, neidisch und will ihrer Schwester doch auch das Glück gönnen.

Arne (Franz Dinda), Doreen (Friederike Becht, r.) und Isabel (Luise Heyer, l.) verbringen ihre Ferien 1988 am Plattensee. 

(Foto: dpa)

Eine verflixte Gefühlsmischung, zu der sich noch ein Problem politischer Art gesellt: Arne ist Hamburger, die Beziehung zu ihm ein "unerlaubter Westkontakt", denn die beiden 17-jährigen Schwestern sind DDR-Bürgerinnen. Ort: ein "Pionierlager" am ungarischen Plattensee. Zeit: Sommer 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall. Alles an Robert Thalheims drittem Spielfilm ist Atmosphäre, Nuance, Gefühlsintensität. Er erzählt, einer "wahren Geschichte" nachempfunden, seine Ost-West-Liebesgeschichte mit Nouvelle-Vague-hafter Leichtigkeit. Vor allem aber ist "Westwind" die Entdeckung zweier toller Darstellerinnen: Frederike Becht und Luise Heyer verkörpern in ihren ersten Spielfilm-Hauptrollen das Doreen-Isabel-Duo mit hinreißendem Charme.

Der übermütige Akkord ihres Einverständnisses prägt das erste Drittel der Erzählung. Doreen und Isabel genießen als DDR-Hochleistungssportlerinnen das Privileg, zur Vorbereitung ihrer nächsten Ruder-Wettkämpfe im "Zweier ohne Steuermann" ein Trainingslager am Plattensee besuchen zu dürfen. Bei ihrer Anreise verpassen sie den Bus, tippeln über die Landstraße, bis ein orangener VW-Käfer anhält. Höflich-neugierige Kontaktaufnahme zwischen den Hamburgern Arne und Nico, die sich für ihr bestandenes Abitur mit einem Plattensee-Urlaub belohnen, und den beiden Mädchen von drüben. Das neue Album von Depeche Mode wird in den Recorder geschoben, die DDR-Schwestern überraschen mit ihrer Kennerschaft der New-Wave-Bands: "Kennen wir alles: Depeche Mode, The Cure, Pet Shop Boys, aber ehrlich gesagt, kriegen wir das nur bei Westwind im Radio zu hören."

Während die Kamera das Ambiente begutachtet und sich offenkundig in die Heldinnen verliebt, entspinnt sich die Ost-West-Sommerromanze. Der Flirt zwischen Isabel und Nico bleibt halbherzig, aber zwischen Doreen und Arne bahnt sich große Liebe an. War die Erzählung bis dahin impressionistisch hingetupft, nimmt sie nun hochdramatische Fahrt auf. Arne will die Schwestern zur Republikflucht überreden und treibt sie so in eine traumatische Beziehungskrise.

Geschickt vermeidet Thalheim die Klischees von Ost-West-Storys: Die West-Jungs sind nicht als arrogante Schnösel gezeichnet, die Schwestern nicht als von vornherein fluchtwillige DDR-Überdrüssige. Erst zum Finale wird das Drama des geteilten Landes in der privaten Geschichte virulent, wenn die Schwestern vor eine Entscheidung gestellt sind, die - wie Thalheim sagt - "für sie eigentlich zu groß ist".

WESTWIND, D/Ungarn 2011 - Regie: Robert Thalheim. Buch: Ilja Haller, Susann Schimk. Kamera: Eeva Fleig. Musik: Christian Conrad. Mit: Friederike Becht, Luise Heyer, Franz Dinda, Volker Bruch. Zorro Film, 90 Minuten.