Im Kino: Wer ist Hanna? Androgyne Killerfee

Die 16-jährige Hanna sieht aus wie ein Botticelli-Engel, wird aber von ihrem Vater zur Action-Amazone ausgebildet: Im Thriller "Wer ist Hanna?" kämpft sie gegen die Attacken einer hexenhaften Geheimdienstchefin.

Von Rainer Gansera

Flamenco-Ekstase, die Bilder fulminant rhythmisiert. Carlos Saura könnte nicht besser zum Tanz einladen. Wie die Füße aufstampfen, wie die Zigeunerin den Kopf in den Nacken wirft, wie hier Leidenschaft eine exaltierte und streng stilisierte Form gewinnt, wie der "todnahe Dämon seine Flügel aus blitzenden Messern" (García Lorca) ausbreitet: Ein Zwischenspiel nur - aber beispielhaft für den Elan, mit dem Regisseur Joe Wright seine Filme inszeniert.

Blaue Augen, bleicher Teint, blondes Engelshaar im Gegenlicht, Sommersprossen und Blutspritzer: Saoirse Ronan als Hanna in dem Thriller "Wer ist Hanna?" von Joe Wright.

(Foto: dapd)

Immer schon war der 39-jährige Brite - ähnlich wie hierzulande Tom Tykwer - mehr exzentrischer Choreograph als braver Erzähler, mehr an Körperlichkeit und visueller Poesie interessiert als an Psychologie. So bei seiner Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil" und auch bei "Abbitte", seiner bildgewaltigen Verfilmung von Ian McEwans Roman. Damals hat er zum ersten Mal mit der zauberhaften Saoirse Ronan gearbeitete, der er nun in "Wer ist Hanna?" die alles überstrahlende Titelrolle anvertraut. Ein solches Regie-Temperament muss irgendwann nach dem Genre Ausschau halten, das wirklich pure Choreographie ist: dem Actionthriller.

Während sich das europäische Kino derzeit mit dem Aufwärmen alter Genre-Rezepte abmüht, gelingt Joe Wright etwas verblüffend Neues: ein Mix aus Märchenton und Actionthrill, der sich in seinen stärksten Momenten in surreale Poesie verwandelt. Im Zentrum steht die janusköpfige Figur der 16-jährigen Hanna: einerseits unschuldiger Botticelli-Engel, andererseits gnadenlose Martial-Arts-Kriegerin, die gleich zu Beginn in der Schneelandschaft Finnlands mit Pfeil und Bogen auf Rentierjagd geht.

Weil sie "nur knapp das Herz verfehlte" (ihr Mantra als Jägerin), tötet sie den erlegten Elch dann mit einem Gnadenschuss. Eine faszinierende Figur: blaue Augen, bleicher Teint, blondes Engelshaar im Gegenlicht, Sommersprossen und Blutspritzer, eine androgyne Killerfee. Saoirse Ronan könnte hier Tilda Swintons Tochter sein.

Ihre Figur Hanna wuchs beim Vater (Eric Bana) auf, einem ehemaligen CIA-Agenten. In der Wildnis Nordfinnlands trainierte er sie zur perfekten Kämpferin, denn sie muss, wenn sie in die Welt entlassen wird - was nach dem Elchjagd-Prolog geschieht - gegen die heimtückischen Attacken einer hexenhaften Stiefmutter-Figur, der Geheimdienstchefin Marissa (Cate Blanchett), gewappnet sein.

Im Kampf gegen die Mutterhexe

Hanna wird sich in einem Schneewittchen-Plot wiederfinden, einer Verfolgungsjagd quer durch Europa mit Finale in Berlin, wo zum Showdown in einem stillgelegten Märchenpark die Hexe Marissa dem Maul des bösen Wolfes entsteigt. Rachefeldzug und Identitätssuche, Erkundung einer Vorgeschichte, die Hannas Vater und Marissa einst zu erbitterten Feinden machte.

In Julio Médems "Caótica Ana" gab es einen Ex-Hippie-Vater, der seine Tochter fern der Zivilisation aufzog und zur Künstlerin bestimmte. Hier ist es ähnlich, aber Hanna soll als Kriegerin bestehen. Sie hat etwas von einer Pallas Athene, die in voller Rüstung dem Kopf des Vaters Zeus entsprang. Hanna: eine Kopfgeburt, eine Vaterphantasie, in den Kampf geschickt gegen die Mutterhexe.

Im ersten Kapitel des immer auch spielerisch mit Zitaten jonglierenden Abenteuers wird Hanna von Marissas Sturmtrupp gefangen genommen und in ein Hightech-Gefängnis gebracht, wo man sie allerlei Labortests und Befragungen unterziehen will. Sie antwortet mit einer Lektion ihrer Kampfkunst. Die Action-Choreographie dieses Parts gestaltet Wright wie einen Techno-Clip, bei dem der Score der Chemicals Brothers brillant zur Geltung kommt.

Dann wird in Hamburg ein Killer-Trio aus zwei Skinheads und einem Zuhälter mit blondiertem Haar zur Jagd auf Hanna angeheuert. Sadisten wie in Kubricks "The Clockwork Orange", die zur Fingerübung mit Metallkugeln spielen. Nicht in allen Momenten überzeugt diese Zitat-Collage, das Trio zum Beispiel bleibt schwache Reminiszenz.

Aber die tragenden Elemente stimmen, mythisch und visuell. Cate Blanchett gibt eine hinreißende Hexe: mit roten Haaren, Katzenaugen, Lederhandschuhen und Merksätzen wie: "Manchmal sind auch Kinder schlechte Menschen!"

Joe Wright liebt es, Kontraste zu komponieren und ins Extrem zu treiben. So jagt er seine Heldin durch eine bemerkenswerte Galerie von Schauplätzen: Waldhütte und Hightechbunker, die marokkanische Wüste und das Labyrinth eines Containerhafens. Besonders schön gelingt der Kontrast, als Hanna in der Wüste einer britischen Familie begegnet, die mit dem Wohnmobil auf Urlaubstour ist. Gerade erst der Hölle entkommen, schließt sie Freundschaft mit der gleichaltrigen Tochter der Familie, liegt mit ihr unter der Decke und übt, wie man Jungs küsst.

Hier lernt sie, was der Vater ihr im eisigen Norden nicht beibringen konnte: Mitmenschlichkeit. Wie die Replikanten in Ridley Scotts "Blade Runner" will sie weinen, lachen und lieben.

"Wer ist Hanna?" erzählt nicht einfach eine Coming-of-Age-Fabel, was man spätestens in der Flamenco-Szene versteht. Denn der Tanz setzt leibhaftige Körper in Bewegung, Körper, die durch die Rhythmen von Herzschlag und Atem bestimmt sind, durch das Leben - nicht durch technoide Körperzerstückelung. Wenn Hanna diese Flamencoaufführung betrachtet, wird in ihr die Sehnsucht wach, ein Menschenwesen aus Fleisch und Blut und Seele zu werden.

Bildergalerie

Tête-à-tête mit Cate Blanchett