bedeckt München

Im Kino: "Von der Kunst, sich durchzumogeln":Depressionen und Hausaufgaben

Junge trifft Mädchen - darum geht es zunächst einmal im Spielfilmdebüt von Regisseur Gavin Wiesen. Doch "Von der Kunst, sich durchzumogeln" ist mehr als das: ein sensibler Film übers Erwachsenwerden, ganz ohne Teeniekitsch.

Susan Vahabzadeh

Unzählige Filme erzählen vom Erwachsenwerden, und vielleicht liegt das daran, dass der Weg dorthin für den Teenager so mühselig ist - die Probleme reichen für ganze Filmzyklen, und das Drumherum muss immer wieder an neue Generationen angepasst werden.

Von der Kunst sich durchzumogeln

Emma Roberts und Freddie Highmore waren früher Kinderstars: Sie in der Fernsehserie Unfabulous, er in Charlie und die Schokoladenfabrik.

(Foto: 20th Century Fox)

Ein unglücklicher Teenager der neuesten Generation ist George (Freddie Highmore). Er hegt und pflegt eine Jünglings-Depression, jene Sorte, die manchmal auch über Nacht wieder verfliegt. Und er wandelt, unbewusst zumindest, auf den Spuren von Melvilles Helden Bartleby: Er weiß nicht, was er mit sich anfangen soll, er weiß nur, was er vorziehen würde, nicht zu tun. Zum Beispiel ist er dahintergekommen, dass das Leben im Allgemeinen tödlich endet, und hat daraus die kindliche Erkenntnis gewonnen, dass es sinnlos sei, am Anfang Hausaufgaben zu machen, wenn man am Ende doch irgendwann stirbt. Mutter und Lehrer versuchen bemerkenswert geduldig und behutsam, ihn wieder in die richtige Spur zu bringen.

Eigentlich hätte George auch schon Probleme genug, selbst wenn er nicht vor der Aufgabe stünde, nun die Hausaufgaben der letzten Monate nachliefern zu müssen: Seine Mutter (Rita Wilson) ist im Begriff, sich mit dem Stiefvater zu überwerfen, und George hat sich in Sally (Emma Roberts) verliebt. Aber er glaubt nicht daran, dass sie seine Gefühle jemals erwidern könnte - also gibt er vor, ihr bester Freund zu sein, und leidet fürchterlich.

Von der Kunst sich durchzumogeln ist der erste Film des amerikanischen Regisseurs Gavin Wiesen, kein Meisterwerk des Coming-Of-Age-Genres, aber ein durchaus gelungenes Exemplar. Er trifft einen schönen Ton, irgendwo zwischen Melancholie, Selbstironie und Gravitas. Wiesen hat dafür eine Besetzung zusammengetrommelt, die den Feinheiten der Geschichte gewachsen ist und sie davor bewahrt, in Teenie-Kitsch abzugleiten. Beide Hauptdarsteller waren Kinderstars, Freddie Highmore zum Beispiel der Charlie aus Charlie und die Schokoladenfabrik, Emma Roberts, Julias Nichte, spielte in der Fernsehserie Unfabulous. Auch das Drumherum ist zeitgemäß, New York im Zeichen des Pleitegeiers. Georges Mutter hat ihre Eigentumswohnung riskiert, die Erwachsenen haben auch nicht alles im Griff, im Gegenteil, sie fabrizieren ihre eigenen Krisen. Aber die Welt zieht es trotzdem vor, nicht unterzugehen.

THE ART OF GETTING BY, USA 2011 - Regie und Buch: Gavin Wiesen. Kamera: Ben Kutchins. Schnitt: Mollie Goldstein. Musik: Alec Puro. Mit: Freddie Highmore, Emma Roberts, Sam Robards, Rita Wilson, Blair Underwood, Sasha Spielberg. Verleih: Twentieth Century Fox, 84 Minuten.

© SZ vom 08.10.2011/anbo/gr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema