Im Kino: Vier Leben Auch Ziegen haben Gesichter

Vom Unsichtbaren und der Wirkung des Unterbewussten: Michelangelo Frammartino stellt eher unübliche Hauptdarsteller in den Mittelpunkt seines Dramas.

Von Martina Knoben

Das Geisterhafte des Kinos resultiert ja nicht nur daraus, dass es immer nur Vergangenes, oft Totes präsentiert. Die Technik selbst mit ihren Einzelbildern, deren Abfolge eine Illusion von Kontinuität erzeugt, hat etwas von einem Spuk, zumal ein einzelnes dieser Bilder gar nicht bewusst gesehen werden kann, unterbewusst aber durchaus Wirkung entfaltet.

Statt Suppe gibt es für Giuseppe Fuda als Ziegenhirt jeden Abend ein Glas Staub.

(Foto: dapd)

Von der Überzeugung, dass es im Kino mindestens so sehr um das Unsichtbare wie um das Sichtbare geht, ist Michelangelo Frammartinos "Vier Leben" zutiefst durchdrungen. Nicht nur, dass er von einer Art Seelenwanderung erzählt - sehr viel subtiler übrigens, als der deutsche Verleihtitel vermuten lässt. Darüberhinaus ist der Raum zwischen den Menschen und Dingen sein eigentlicher Hauptdarsteller, ganz so wie in den Arbeiten etwa des Thailänders Apichatpong Weerasethakul oder des Amerikaners James Benning. Einmal sieht man in einer Kirche in der Luft schwebenden Staub im Gegenlicht glitzern. Die Hauswirtschafterin der Kirche sammelt den Staub vom Boden auf und gibt ihn einem alten Hirten als Medizin. Jeden Abend löst er ihn in einem Glas Wasser auf.

"Vier Leben" spielt im Hinterland Kalabriens, die Familie des Regisseurs stammt aus der Gegend. Hier mischen sich christlicher und animistischer Glaube; das einfache Leben der Menschen dort und ihre archaischen Gebräuche aber stehen nicht im Vordergrund, auch wenn die semidokumentarischen Beobachtungen des Films die Vermutung nahelegen. Tatsächlich aber ist der Mensch gar nicht so wichtig in diesem Film, die übliche Hierarchie - Mensch, Tier, Pflanze, Mineralreich - gibt es hier nicht. Immer wieder rückt ein vermeintlicher Hintergrund in den Vordergrund. Als der alte Hirte stirbt, wird ein Zicklein geboren, das kurz zum Hauptdarsteller avanciert, bis auch das Zicklein stirbt, im Schutz einer mächtigen Tanne. Die Tanne wiederum wird im nächsten Frühjahr geschlagen und steht im Mittelpunkt einer prächtigen Dorffeier. Danach wird sie an den örtlichen Köhler verkauft; wie eine Skulptur sehen die aufgeschichteten und schließlich brennenden Zweige aus.

"Vier Leben" ist ein Film fast ohne Worte, der ganz auf seine starken Bilder vertraut, auf ein luzides Licht und beeindruckende Choreographien, die die Dinge verbinden. Esoterisches Geraune gibt es glücklicherweise nicht. Man erkennt es ja auch so: etwa dass Ziegen nicht nur Köpfe, sondern richtige Gesichter haben oder auch Hunde zu Slapstick fähig sind.

LE QUATTRO VOLTE, I/D/CH 2010 - Regie, Buch: Michelangelo Frammartino. Kamera: Andrea Locatelli. Schnitt: Benni Atria, Maurizio Grillo. Verleih: NFP, 88 Minuten.