Im Kino: "Vicky Cristina Barcelona" Speisekarte der Sehnsüchte

Er hat die schönsten Frauen der Welt verpflichtet und stellt mit ihnen ganz unanständige Dinge an: Penélope Cruz und Scarlett Johansson in Woody Allens neuem Film.

Von Martina Knoben

Was für ein süßes Gift dieser Film doch ist! Die schönsten Frauen, die romantischste Stadt, Architektur von Gaudí und Kunst von Miró, spanische Gitarrenmusik, das mediterrane Licht und der Wind des Südens in langem blonden und braunen Haar - den Angeboten, die Woody Allen in "Vicky Cristina Barcelona" macht, lässt sich schwerlich widerstehen.

Touristin Christina (Scarlett Johansson) und Maler Juan Antonio (Javier Bardem) vergnügen sich in Barcelona.

(Foto: Screenshot: http://vickycristina-movie.com)

Sein neuer Film ist so sinnlich und entspannt, dass er sich als luftige Sommerkomödie genießen lässt. Dabei ist Allen ganz der Alte geblieben. Pessimismus und Bosheit seines Meisterwerks "Match Point" aus dem Jahr 2005 haben in Katalanien lediglich die Farbe und die Temperatur gewechselt.

Seit mehr als vierzig Jahren macht Allen im Jahresabstand einen Film - seit "Match Point" ist man auf den neuen Allen auch wieder gespannt. Damals hatte der Regisseur zum ersten Mal sein heimatliches New York verlassen und in London gedreht; es folgten "Scoop" und "Cassandra's Dream" als deutlich schwächere London-Filme.

Liebeserklärung

Nun also ein Trip nach Barcelona, das Allen wiederum überraschend inspiriert hat. Sein Film ist eine Liebeserklärung an die Gaudí-Stadt, ihre Lebendigkeit und Verrücktheit, die auch zwei Amerikanerinnen, die dort ihre Sommerferien verbringen, mit Herausforderungen des Herzens und der Sinne konfrontiert.

Die dunkelhaarige Vicky (Rebecca Hall) und die blonde Cristina (Scarlett Johansson) sind Freundinnen, obwohl ihre Lebenseinstellungen vollkommen auseinandergehen. Während Vicky vor allem Sicherheit und Beständigkeit anstrebt und sich auf ein Leben mit ihrem Verlobten vorbereitet, träumt Cristina von der leidenschaftlichen Liebe und ist sich sicher nur in dem, was sie nicht will.

Die romantischen Verwicklungen beginnen, als die beiden dem Maler Juan Antonio begegnen, dem Scarlett Johansson als Cristina diese herausfordernden Blicke zuwirft, für die sie bekannt ist. Der Spanier - Javier Bardem im roten Seidenhemd - macht ihnen ein unmoralisches Angebot: "Das Leben ist grau, das Leben ist voller Schmerz. Und das hier könnte etwas Besonderes sein." Er lädt Vicky und Cristina zu einem Kurztrip nach Oviedo ein, Liebe zu dritt inklusive.

Juan Antonios Satz könnte ebenso gut von Woody Allen stammen, der all die schönen Dinge, die er filmt, sichtlich genießt. Er spielt selbst nicht mit, dafür übernehmen Bardem und Scarlett Johansson Aspekte der gewohnten Allen-Rolle. Johansson, die in ihren Filmen immer wieder die Muse älterer, trauriger Männer war, arbeitet nun zum dritten Mal mit dem Regisseur zusammen, der ihr komödiantisches Talent auch diesmal zu nutzen weiß. Cristinas fahrige Gesten, ihre Sinnsuche und tragische Unzufriedenheit lassen den alten Stadtneurotiker erkennen.

Gnadenlos komische Dinge

In Oviedo fällt Cristina als Gespielin Juan Antonios überraschend aus. Ihr Magen und eine Alkoholallergie werfen sie im entscheidenden Moment aus dem Rennen. Die vernünftige, brave Vicky springt für sie ein, obwohl sie Juan Antonio zutiefst zu verabscheuen meint. Sie besichtigt mit ihm die Stadt, besucht seinen Vater, geht mit ihm essen und wird bei Gitarrenmusik schließlich schwach. Zurück in Barcelona, verabredet sich Juan Antonio allerdings mit Cristina, die bald darauf bei ihm einzieht.

Allen präsentiert den Liebesreigen im Ton entspannter Ironie, mit einem allwissenden Erzähler, der schon mal einen literarischen Ton anschlägt, auch den des Groschenromans. Seine Kommentare können boshaft sein, etwa wenn er Cristinas erste Liebesnacht mit Juan Antonio kommentiert: "Diesmal behielt Cristina ihr Essen bei sich."

Das berühmte Truffaut-Diktum hat Allen jedenfalls kräftig umgewandelt, er stellt mit schönen Frauen gnadenlos komische Dinge an. Und die Schönste von allen ist auch am dichtesten dran an der Karikatur: Zu Rebecca Hall und Scarlett Johansson gesellt sich Penélope Cruz als Juan Antonios Ex-Ehefrau Maria Elena, eine rasend Liebende, der Inbegriff der temperamentvollen Spanierin. Sie macht aus dem Liebesdreieck ein Viereck und verleiht Woody Allens Komödie zusätzlichen Drive.

Wenn Cristina und Maria Elena sich schließlich im Rotlicht einer Dunkelkammer küssen, meint man Meister Allen im Dunkeln kichern zu hören über seinen unverschämten Coup. Er hat die schönsten Frauen der Welt verpflichtet und stellt mit ihnen nun ganz unanständige Dinge an. Maria Elena, Vicky, Cristina, das sind auch, mit kaltem Hitchcock-Blick: eine Durchgeknallte, eine Spießerin und ein verantwortungsloses Häschen. Wer will, kann vor allem die Amerikanerinnen als Musterbeispiele sehen.

Postkartenansichten

Allens Themen sind ja im Grunde immer dieselben - die Unfähigkeit der Menschen, wirklich zu leben, ihre Korrumpierbarkeit, die Unmöglichkeit, Realität und Phantasie zur Deckung zu bringen. "Vicky Cristina Barcelona" mit seiner mediterranen Schönheit und der erotischen Utopie hat von Anfang an etwas Touristisches. Vom Park Güell bis zum Tibidabo Vergnügungspark sind ausschließlich Postkartenansichten von Barcelona zu sehen, die Allen allerdings so beiläufig und lässig filmt, wie eine schöne Frau einen sündteuren Sommerfummel trägt.

Vickys und Cristinas Tour durch stilvolle kleine Restaurants, ihre Abende bei Kerzenschein, Juan Antonios Haus, schließlich der Maler selbst - ein Libertin, aber anständig - dies alles mutet wie eine Speisekarte unserer Sehnsüchte an, die bedenkenswert nah am Klischee angesiedelt sind.

Zudem ist der Urlaub der Amerikanerinnen in der Alten Welt kein Aufbruch ins Offene, auch wenn Allen als guter Reiseveranstalter dieses Gefühl hervorzurufen weiß. Er weckt die Erwartung, dass Cristina und Vicky ihrem Leben eine neue Richtung geben werden - der Film jedoch beschreibt eine Rundtour.

Man sollte sich, um diese Komödie zu verstehen, an Gaudí halten, Barcelonas Architekten der wahnsinnigen Formen, der ungeraden Wände und gedrehten Türme. Es sind Formen nach der Natur, aber kein Wildwuchs. Gaudís Architektur ist reine Mathematik. Auch "Vicky Cristina Barcelona" ist kein Verlegenheitstitel, er beschreibt eine Formel oder geometrische Figur.

Vicky Christina Barcelona - UK 2007 - Regie, Buch: Woody Allen. Kamera: Javier Aguirresarobe. Mit: Scarlett Johansson, Rebecca Hall, Penélope Cruz, Javier Bardem, Patricia Clarkson. Verleih: Concorde, 96 Minuten.

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