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Im Kino: Vergebung:Das sind Helden

Die gepiercte Hackerin Lisbeth Salander und der moralisch fragwürdige Journalist Mikael Blomkvist ziehen ins letzte Gefecht: nicht gegen einen einzelnen Bösewicht, gegen die verkommenen Sitten.

Es gibt natürlich gute Gründe, warum Stieg Larssons "Millennium"-Krimis nicht verschwinden aus den Bestsellerlisten. Perfekt sind seine Geschichten wohl nicht - sie sind, hat ein amerikanischer Kritiker geschrieben, "so vollgepackt mit Zufällen, dass selbst Dickens rot würde". Larssons Geschichten handeln nicht vom einzelnen Bösewicht, sie zeichnen ein größeres Sittenbild, aus dem das Böse sich ergibt.

Noomi rapace als Lisbeth Salander in "Vergebung"

Die Zeiten sind prächtig für eine ordentliche Verschwörungstheorie von einer im Innern zersetzten Gesellschaft, in der eine kleine Clique völlig enthemmt wütet, um durchzusetzen, was sie für richtig hält, und alles dafür tut, dass ihre Umtriebe geheim bleiben: Kein Preis ist ihnen zu hoch, denn den entrichten sowieso immer die andern. In "Vergebung" geht es nun tatsächlich um den Staat, der seine Verfehlungen verbergen will. Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist stellen sich gegen skrupellosen Machtmissbrauch, gegen dunkle Machenschaften des Geheimdienstes. Je ungerechter und undurchschaubarer die Welt wird, desto größer wird die Sehnsucht nach Geschichten, die davon erzählen, wie die Ordnung wieder herzustellen wäre.

"Vergebung" kommt nun ins Kino, das dritte Kino-Stück nach dem Werk des Schriftstellers und Journalisten Stieg Larsson, gestorben, noch bevor die "Millennium"-Reihe zu Weltruhm kam - der dritte und letzte Teil, solange nicht ein fremder Autor sein viertes, unvollendetes Buch weiterspinnt. Die Fans der Reihe, jene zumindest, die es nicht zur Gänze unsittlich finden, Larssons Romane mit der Geschwindigkeit des Kinos durchzuhecheln, werden über die kleinen Schwächen hinwegsehen, die Bestseller-Verfilmungen fast immer haben: zu viel (und oft falsche) Rücksichtnahme auf jene Leser, die sich daran stören, wenn ein Film den Roman nicht durchbuchstabiert. Dagegen hat sich auch der Regisseur Daniel Alfredson, der den zweiten und dritten Teil inszeniert hat, nicht gewehrt - aber ein richtig guter Krimi ist "Vergebung" trotzdem.

Larssons Sherlock Holmes Lisbeth Salander (Noomi Rapace) wurde fast umgebracht am Ende von "Verdammnis", sie landet im Krankenhaus mit einer Kugel im Kopf. Ihr verhasster Vater, den sie selbst ins Krankenhaus beförderte, will sie kaltstellen. Sie soll nicht ausplaudern können, was sie herausgefunden hat über die Machenschaften von ein paar Geheimdienstlern, für die er gearbeitet hat und die ihn schützen, um ihrer selbst willen. Eine wenig actionreiche Rolle hat die Heldin im dritten Teil - ans Bett gefesselt, auch als es ihr besser geht, ihr Arzt paktiert mit ihr, hat ihr das Blackberry ins Krankenzimmer geschmuggelt und hält die Polizei von ihr fern.

Es dauert lange, bis ihr Part endlich etwas in Bewegung kommt - da wird "Vergebung" zum Gerichtsthriller, in einem nackten Gerichtssaal, einem richtig fiesen Siebziger-Jahre-Ambiente, wird Lisbeth als Gutachter ausgerechnet der Psychiater präsentiert, der sie weggesperrt und missbraucht hat. Es ist also vorwiegend der Job des Millennium-Reporters Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist), draußen zu recherchieren, den Drahtziehern des Komplotts auf die Füße zu steigen - er verbündet sich mit Regierungsagenten, die mit ihm zusammen den abtrünnigen Geheimdienstlern auf die Schliche kommen wollen.

Die dominanten Sorgen und Ängste

Zwei seltsame Helden sind das, die angepunkte gepiercte Hackerin, die in ihrer eigenen Vergangenheit aufräumt, und ein Journalist, der sein Ding durchzieht mit ähnlichen moralischen Vorgaben wie die dubiosen Subjekte, die er bekämpft: Blomkvist bringt die Redaktion in Gefahr, auch seine Chefin und Geliebte, und er ist nicht bereit aufzuhören - auch dann nicht, als sie beinahe erschossen wird. Daraus ergibt sich ein schönes Spiel mit Blomkvists investigativer Enhüllungsmoral - darf man seine Gefährten opfern für die gute Sache, und ist sie dann noch wirklich gut?

Eigentlich ist "Millennium" eine aus einer Fernsehreihe destillierte Kino-Trilogie - was bedeutet: Die einzelnen Filme sind Teile eines unvollständigen Ganzen. Man wird sich dennoch nicht verloren fühlen in "Vergebung", wenn man die ersten beiden Teile nicht kennt - und kann inzwischen auch die Wissenslücken zur Not via DVD schließen.

"Vergebung" ist ein in sich geschlossener Film, die Verweise auf die Vorläufer steht man gut durch - mancher filmische Solitär ist da wesentlich verwirrender. Was dann in den drei Filmen doch weggelassen werden musste aus den Romanen, findet zum Teil in die wesentlich längere Fernsehfassung wieder hinein. Aber es geht bei Stieg Larsson eben auch nicht um die perfekte Konstruktion der Handlung, sondern eher, da ähnelt er John Grisham, um ein Gespür für die dominanten Sorgen und Ängste einer Zeit.

LUFTSLOTTET SOM SPRÄNGDES, Schweden 2009 - Regie: Daniel Alfredson. Drehbuch: Jonas Frykberg, Ulf Ryberg, basierend auf dem Roman von Stieg Larsson. Kamera: Peter Mokrosinski. Mit: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Annika Hallin, Sofia Ledarp, Jacob Ericksson, Niklas Hjulström. Warner/NFP, 148 Minuten.

© SZ vom 02.06.2010/kar
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