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Im Kino: "The New World":Sexappeal, mal ernsthaft

Terrence Malick hat sehnsuchtsvoll die Landnahme von Amerika verfilmt - und dabei irgendwie vor lauter Indianern die Indianer vergessen.

Es ist lang her, dass man eine asphaltierte Straße in einem Film von Terrence Malick gesehen hat.

Überall nur Natur, stundenlang Schilf und Himmel und Gras. Und ein paar Indianer.

(Foto: Foto: Warner)

Das war in "Badlands", 1974, und auch dort wurden die Straßen schnell zu Dreckpisten, zu schmalen Spuren von Zivilisation im Hinterland von South Dakota.

Aber man sah in diesem Film eine Flucht und eine Liebesgeschichte, mit viel Leidenschaft fotografiert, und das Ganze wurde zusammengehalten von einer Kommentarstimme, die den Rhythmus der Bilder akzentuierte und ihren Inhalt erklärte. 1978 folgte "In der Glut des Südens", da gab es bloß noch eine Eisenbahn, die Landarbeiter nach Texas brachte, wo sie einen langen, glückverheißenden Sommer auf den Feldern schufteten, umgeben nur vom Horizont. Auch hier war der Ausgangspunkt eine Flucht, ein Rückzug in die Weite, eine Liebesgeschichte; es gab auf der Leinwand eine betörende Verbindung von Landschaft und Musik, in der die Zeit sich dehnen konnte, die Bilder sich ausbreiteten, um den Zuschauer heimzusuchen.

Seit diesen Filmen galt Terrence Malick als Poet des amerikanischen Kinos schlechthin - was nicht immer für Begeisterung sorgte. Sein neuer Film "The New World" wird denn auch entweder verdammt oder glorifiziert, amerikanische Kritiker streiten sich über Langeweile, Bildgewalt, epische Dramaturgie.

Überall nur Natur heißt es, stundenlang sehe man Schilf und Himmel und Gras. Tatsache ist, nichts anderes hat man bei Malick sonst je gesehen. Sein Œuvre ist schmal, außer den beiden genannten Filmen gibt es nur noch den Kriegsfilm "The Thin Red Line" von 1998, und auch da spielt hauptsächlich die Natur eine Rolle, recht unbeeindruckt vom historischen Hintergrund. Man weiß also, was er liebt, was er kann, was er zeigen wird, wenn er eine der seltenen Gelegenheiten nutzt, wieder einen Film zu machen. "The New World" ist ein klassisches Terrence-Malick-Werk, mit einer Flucht, einer Liebesgeschichte, einem schwebenden Kommentar. Und so übermäßig viel Schilf kommt gar nicht vor.

Diesmal hat Malick sich die Entdeckung Amerikas vorgenommen, Virginia 1607. Die Segelschiffe der Engländer fahren landeinwärts die Flüsse hinauf, finden Wälder und Wiesen unberührt.

Dort siedeln sie, mitten in einer Welt, so brandneu und funkelnd vor Versprechen, dass es durchaus Sinn hat, sie möglichst so zu zeigen, wie sie sich den Augen der Eindringlinge dargeboten haben mag. Die Indianer, die dort leben, sehen die Engländer mit ähnlicher Neugier an - voll kindlicher Verwunderung und mit dem Drang, erst mal alles anzufassen, um zu sehen, ob das wirklich Menschen sind oder nur blecherne Anzüge, die sich bewegen. Das Starre und das Bewegliche setzt Malick hier gegeneinander, die nackten, lebhaften naturals gegen die Eroberer, die zusätzlich zu ihrer zivilisatorischen Schwere auch noch von Schiffen kommen, auf denen wenig Platz ist, weder räumlich noch im Gefüge ihrer Hierarchie.

Was dann folgt, ist die Geschichte, die man aus Indianerbüchern aus der Kindheit kennt, jenen tollen und verstörenden Landnahmeberichten. Die Indianer leben von und mit ihrem Land, die weißen Siedler versuchen, es zu beherrschen. Das endet in Gewalt, Elend und Zerstörung, in armseligen Forts und Hungersnot, und nur durch das Mitgefühl der Indianer überleben diejenigen, die sie später verdrängen werden.

Wieder dehnt Malick die Zeit, verweilt in Bildern von der folkloristischen Schönheit des überlegenen Naturvolks, vom groben Leben der unbelehrbaren Siedler. Man spürt seine Sehnsucht nach einem Paradies, seine Trauer über dessen Verlust.

Inmitten dieser Trance entfaltet sich eine Liebesaffäre, der Pocahontas-Mythos. Sanft begegnen sich Colin Farrell und die erstaunliche fünfzehnjährige Q'Orianka Kilcher, die Sexappeal mit Ernsthaftigkeit zusammenbringt und den Film über weite Strecken davonträgt, vielleicht auch, weil es sonst kaum Frauen gibt in Malicks neuer Welt. Sie wird von Farrell verraten wie ihr Volk von den Engländern, sie muss sich einfinden in die Mittelmäßigkeit einer anderen Gesellschaft, und das ist es letztlich, was der Film erzählen will: Die neue Welt, die eine Utopie der Erlösung bot, oder wenigstens die Chance eines anderen Lebens, pendelt sich ein auf jene Mittelmäßigkeit, der die britischen Entdecker zu entkommen suchten. Die Flucht ist nicht gelungen.

THE NEW WORLD, USA 2005 - Regie, Buch: Terrence Malick. Kamera: Emanuel Lubezki. Musik: James Horner. Mit: Colin Farrell, Q'Orianka Kilcher, Christian Bale, Christopher Plummer, August Schellenberg, Wes Studi, David Thewlis. Warner, 135 Minuten.