Im Kino: "Rapunzel - neu verföhnt" Die schlimme Tochter

Rapunzels magisches Superhaar ist meterlang und multifunktional verwendbar: Der Disneyfilm "Rapunzel - neu verföhnt" ist eine subtile Teeniekomödie.

Von Fritz Göttler

Mitten in einer der wilden Actionszenen, die dieser Film immer wieder virtuos entfacht, gibt es plötzlich einen Moment, da sein Herzschlag auszusetzen scheint - ein Mann mit kreideweißem Marcel-Marceau-Gesicht kreuzt den Weg der Davonlaufenden und Verfolger, bringt sie mit seiner Pantomime zum Innehalten, mit seinem jenseitigen Lächeln, seinen kleinen abgezirkelten Bewegungen, hinter Glas gleichsam, aus einer anderen Welt. Es ist einer der wilden Kerle, auf die Rapunzel früher im Wald getroffen ist und die sie dazu brachte, ihre geheimen Träume zu offenbaren. Als Pantomime hat der Mann nun seinen Traum verwirklicht - so wie es vielen Figuren der Disney Factory seit den Dreißigern schon vergönnt war.

Rapunzel und ein eher unbedarfter Möchtegern-Robin-Hood im Kinofilm "Rapunzel - neu verföhnt". 

(Foto: AP)

In "Rapunzel - neu verföhnt" funktioniert diese Wunscherfüllungsmaschine so zauberhaft, mitreißend und elegant wie seit langem nicht mehr. Rapunzel selbst hat die Parole ausgegeben, an ihrem 18. Geburtstag wollte sie endlich die Welt sehen, von der ihre Stiefmutter ihr bislang nur erzählt hat, in horrenden, mütterlich warnenden Erzählungen. Alle Einwendungen Rapunzels wurden mit einer routinierten Shownummer abgetan, ganz im klassischen Hollywood-Musical-Stil - "Mother knows best" -, und wenn das nicht half, kam der traurige, rhetorisch unschlagbare Satz: "Na großartig, dann bin ich also jetzt der bad guy." Haben nicht auch Stiefmütter ein bisschen Anspruch auf Glück.

Auch dieser Mutter Gothel geht es um einen großen Traum, den Frauentraum par excellence - jung bleiben ihr Leben lang. Rapunzels magisches Superhaar - meterlang und multifunktional verwendbar - gewährt ihr dieses Privileg, also hat sie das Mädchen kurz nach der Geburt ihren königlichen Eltern geklaut und in ihrem Wohnturm eingesperrt.

Je näher das Mädchen an die 18 kommt, desto quälender wird die Monotonie für das Mädchen, desto energischer die Versuche, doch noch hinaus zu kommen, und - als es dann klappt, mit der Hilfe eines eher unbedarften Möchtegern-Robin-Hoods - umso drastischer werden die Skrupel: "Was für eine schlimme Tochter ich doch bin ..."

Der magische Disney-Realismus, zu denen sich die Regisseure Nathan Greno und Byron Howard mit ihrem Team hier aufschwingen, ist universal, er umfasst die Bilder - die blonde Fülle des Rapunzelhaars, ein Nachthimmel voll schwebender Lampions - wie die psychologische Raffinesse. "Tangled" (so der Originaltitel) ist als Teeniekomödie subtiler als jeder Miley-Cyrus-Film.

Der heimliche Held freilich ist der treue Begleiter Rapunzels, das Chamäleon Pascal. Über seine minimal art der Mimikry könnte man eine kleine Theorie des Zeichenfilms entwickeln, das Mechanische und das Individuelle, das Eigene und das Andere, die Magie von Andeutung und Diskretion.

TANGLED, USA 2010 - Regie: Nathan Greno, Byron Howard. Buch: Dan Fogelman. Art Direction: David Goetz, Dan Cooper. Originalstimmen: Mandy Moore, Zachary Levi, Donna Murphy. Deutsche Stimmen: Alexandra Neldel, Moritz Bleibtreu. Disney, 100 Min.

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