Im Kino: "Public Enemies" Fragil und verdammt

Johnny Depp ist verführerisch wie nie, wenn er den Bankräuber Dillinger als Showman spielt, der die Gesetzlosigkeit zelebriert wie einen Tanz. "Public Enemies" feiert den gangsterhaften Robin Hood Chicagos.

Von Susan Vahabzadeh

Der Filmemacher Michael Mann hat sich einen Namen gemacht als detailbesessener Herrscher über vollkommen durchdachte Einstellungen und als einer, der alle Möglichkeiten digitaler Bilder auslotet. Das hat er so gut gemacht, dass man manchmal vergisst, dass er ganz nebenbei aus einer ganzen Reihe von Schauspielern die besten Leistungen ihrer Karriere herausgeholt hat - aus Tom Cruise in "Collateral", aus Russell Crowe, der mit "The Insider" sich erst als ganz großer Schauspieler etablierte, aus dem ehemaligen Teenie-Idol Will Smith in "Ali". Nun, in "Public Enemies", hat er sich Johnny Depp vorgenommen, der seit ein paar Jahren ohnehin in der Oberliga der Ausnahmeschauspieler arbeitet. Umso erstaunlicher ist es, dass Michael Mann auch aus Depp noch mal eine ganz besondere Leistung herausgekitzelt hat, tänzerisch elegant wie der ganze Film.

Ein Mann aus dem Nichts ohne Zukunft: Johnny Depp verkörpert John Dillinger, einen legendären Bandenführer, Bankräuber und Gefängnisausbrecher des Chicago der dreißiger Jahre.

(Foto: Screenshot: filmstarts.de)

Es ist ein ganz physisches, wortkarges Spiel, mit dem er das macht, ohne all die charmanten Sperenzchen, die Depp sonst so drauf hat. Allein wie sein Dillinger die große Liebe seines Lebens - man kann es kaum anders nennen - abschleppt: cool, mit dem verführerischsten Blick, den man sich vorstellen kann. Er schaut, als würde er ihren Widerstand durchaus dulden, würde ihm irgendein Grund einfallen, warum sie ihm welchen leisten sollte. Ein ungeheures Selbstbewusstsein. Als sich das Garderobenmädchen Billie (Marion Cotillard) in einem Restaurant, in das er sie gebracht hat, verlegen umschaut nach den Damen, die sich dort wohl fühlen, sagt Dillinger: "They are all about where they come from, not about where they are going." Er selbst ist letztlich keins von beiden - er ist nur Gegenwart, ein Mann aus dem Nichts ohne Zukunft.

Eiskalte Nummer

Es geht um einen kurzen Zeitabschnitt am Ende des Lebens von John Dillinger - legendärer, loyaler Bandenführer, Bankräuber und Gefängnisausbrecher. Mit einem Ausbruch unter strahlend blauem Himmel beginnt Michael Mann seine Geschichte, eine eiskalt und ausgeklügelt durchgezogene Nummer, die den Ton vorgibt - der Gangster als Showman und Spieler, der die Gesetzlosigkeit zelebriert wie einen Tanz, den letzten Tanz in seinem Leben. Ein Spiel auf Zeit, denn während Dillinger und seine Gang rund um Chicago eine Bank nach der anderen überfallen, macht die Gegenseite mobil: Unter Führung von J. Edgar Hoover (Billy Crudup) wird der FBI-Apparat hochgerüstet, durchaus ein politisches Machtspiel, und Hoover wirkt mindestens so verschlagen wie Dillinger - minus dessen Coolness und Charme. Der Agent Melvin Purvis (Christian Bale), viel anständiger als sein Chef, soll Dillinger und seine Bande endlich zur Strecke bringen.

Gangstergeschichten haben Michael Mann schon immer interessiert, das Brechen von Regeln, das Zusammenspiel von Jäger und Gejagten, und wie man den einen manchmal vom anderen nicht unterscheiden kann. Bei Dillinger verzichtet er auf biographische Details, er zeigt ihn in Momentaufnahmen und kommt der Sache damit vielleicht wirklich näher, dem Leben für den Augenblick, dem Wesen des Outlaw im Angesicht einer aus den Fugen geratenen Welt jenseits all ihrer Gründungsmythen vom Land für die Müden und Armen, die frei zu atmen begehren. Chicago sieht aus wie ein Ort, an dem es möglich ist, dass der Bankräuber und vielfache Mörder Dillinger dasteht wie Robin Hood. Das ist das Ungleichgewicht im Chicago von 1934, von der Depression heruntergewirtschaftet und dem Verbrechen ausgeliefert.

Dillinger pfeift auf die letzten Reste von Ordnung, Hoover und Purvis wollen das Vakuum nutzen, um eine unverrückbare Ordnung herstellen. Ob das eine aktuelle Resonanz hat? Ja, aber nicht in dem Sinne, in dem "Bonnie & Clyde" letztlich ein Film über die Sechziger ist - man kann konservativen Strömungen beim Wachsen zusehen, die noch heute am Werk sind, beobachtet, wie das Schüren von Angst als Machtinstrument institutionalisiert wird. Natürlich haben die Bilder von der Weltwirtschaftskrise einen Nachhall, natürlich ist sich Mann bewusst, welchen Effekt die Aufnahmen haben von den palastartigen Prachtbanken der Dreißiger, die Dillinger ausräumt, natürlich hört man noch heute das Echo von Hoovers Ruf nach dem Überwachungsstaat.

Chicago Melodrama

Überraschend, was von dessen Anfängen bei Michael Mann auftaucht, Telefoneanzapfen, Alarmanlagen, das war damals alles neu. Man kann sich aber ausgerechnet bei Michael Mann darauf verlassen, dass er die Assoziationen, die seine Bilder auslösen, bedacht hat. Sieht man, wie Purvis die Kontrolle verliert über seinen aufgeputschten Polizeiapparat, bis er Billie beim brutalen Verhör vor seinen eigenen Leuten retten muss, denkt man unweigerlich darüber nach, mit wieviel Beelzebub man den Teufel eigentlich auszutreiben gewillt ist.

Und am Ende ist doch nichts mehr von all dem glamourös oder romantisch - höchstens, dass Dillinger doch eine verletzliche Stelle braucht, die fürsorgliche Liebe zu Billie als einzigen übergeordneter Plan. Irgendeine Sehnsucht, die ihn treibt, muss Dillinger gehabt haben. Und man kann sie ablesen in Johnny Depps Gesicht in dem Augenblick, als er weiß, dass er sie erobert hat. Dass diese Sehnsucht unerfüllt bleibt, bleiben muss - das gehört zu den winzigen kleinen Details, mit denen Mann Dillinger in aller Eleganz entglamourisiert. Ganz langsam wird vom Gefängnisausbruch bis zu seinem blutigen Ende aus dem coolen Brutalo ein Sterblicher, fragil und verdammt wie der Killer in "Collateral" und der "Insider", der reden muss, obwohl es ihn alles kostet, woran er hängt. Dass Dillingers Lebensstil nirgendwo hinführt, weiß er eigentlich selbst. So ist die Geliebte das selbstgewählte unerreichbare Ziel, so etwas wie ein künstliches Kaninchen beim Hunderennen.

Purvis bringt Dillinger zur Strecke. Dillinger wurde vom FBI erschossen, als er das Biograph Kino in Chicago verließ. Auf einem Original-Foto, das gemacht wurde, kurz nachdem Dillinger auf der Straße gestorben war, kann man ganz am Rand noch die Leuchtreklame für den Film sehen, der dort gespielt wurde: "Manhattan Melodrama" mit Clark Gable als Gangster und William Powell als dem Kinderfreund, der ihn zur Strecke bringt. Wenn ich nicht leben kann wie ich will, sagt Gable in diesem Film - dann lass mich wenigstens sterben wie ich will.

PUBLIC ENEMIES, USA 2009 - Regie: Michael Mann. Buch: Ronan Bennett, Ann Biderman. M. Mann. Kamera: Dante Spinotti. Schnitt: Paul Rubell, Jeffrey Ford. Mit: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Billy Crudup, Stephen Dorff, Jason Clarke, Giovanni Ribisi, Channing Tatum. Universal, 133 Min.

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