Im Kino: Poll:Ihr erster Menschenversuch

Edgar Selge spielt ihn als mad scientist, der es gar nicht erwarten kann, dass die Truppen des Zaren ihm wieder getötete Anarchisten vorbeibringen, deren Köpfe er in seinem Laboratorium seziert, um den Ort des Bösen zu finden. Überdeutlich wird die Omnipräsenz des Todes auf Poll formuliert. Als Oda mit der Leiche ihrer Mutter dort ankommt - die beiden lebten in Berlin, nun soll die Mutter in der Heimaterde begraben werden -, bringt sie dem bewunderten Vater ein siamesisches Zwillingspaar in Spiritus als Liebesgabe mit. Willkommen im Gruselkabinett!

Verästelungen von Gewalt und Tod

Während diese Karikatur eines monströsen deutschen Vaters also leidenschaftlich Tote zersägt, hat seine zweite Frau Milla eine Affäre mit dem Verwalter des Gutes Mechmershausen (Richy Müller). Jeanette Hain verleiht ihrer Milla die Schönheit einer Wahnsinnigen, etwas Herrisches und gleichzeitig Fragiles; eine somnambule Traurigkeit umgibt sie wie ein Mantel. Kraus hat ein Händchen für Schauspieler (vor allem Schauspielerinnen), auch das hat er in seinen früheren Arbeiten bewiesen. Die Entdeckung dieses Films ist die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade einmal 14 Jahre alte Newcomerin Paula Beer, die (ebenso wie Edgar Selge) einen Bayerischen Filmpreis für ihre Darstellerleistung bekommen hat.

Sie spielt Oda großartig, eine blutjunge Unschuld in einem Beziehungsgeflecht, das in allen seinen Verästelungen von Gewalt und Tod geprägt ist. Auch Oda ist davon berührt. Als sie einen verwundeten Esten in der Gutskapelle entdeckt, versteckt sie ihn auf dem Dachboden des Laboratoriums. Aus pubertärer Schwärmerei? Oder aus einer morbiden Lust heraus, diesen Fremden (Tambet Tuisk), der sich nur "Schnaps" nennt, zu "nähen", so wie ihr Vater die Wunde eines verletzten Arbeiters genäht hat? "Schnaps" ist Odas erste Liebe und ihr erster Menschenversuch gleichermaßen. Paula Beer gestaltet dieses Mädchen als bezauberndes, unheimliches, sehr widersprüchliches Wesen, das so sehr aus Fleisch und Blut ist, dass es die morbide Energie in Poll transformieren kann. Die kristalline Härte, die sie dennoch ausstrahlen kann, mildert das Kolportagehafte der Geschichte, und sie macht klar, dass es - zum Glück - keinen Vollzug der Liebe zu "Schnaps" geben kann.

Dass "Poll" aus der Perspektive einer 14-Jährigen erzählt, lässt leider das Historische sehr diffus wirken. Optisch schafft der Film eine Spannung zwischen bildmächtigen Panoramen des baltischen Landes und dem Familienkammerspiel. Kraus hat sich mit einer potenten Frauenriege umgeben, dass das Wagnis "Poll" gelingt, verdankt er in großem Maß ihnen: Paula Beer und Jeanette Hain natürlich, aber auch Silke Buhr und Daniela Knapp an der Kamera, nur die aufdringliche Musik von Annette Focks stört.

So ist "Poll", der in seiner Gesamtheit so größenwahnsinnig und zusammengezimmert wirkt wie das Gutshaus des Titels, am Ende auch ein Frauenfilm, der wie schon "Vier Minuten" von einer gelungenen Emanzipation erzählt.

POLL, D/A/Estland 2010 - Regie, Buch: Chris Kraus. Kamera: Daniela Knapp. Schnitt: Uta Schmidt. Mit: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller, Enno Trebs. Piffl Medien, 133 Minuten.

© SZ vom 02.02.2011/kar
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