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Im Kino: "Operation Walküre":Wenn die Zeit zündet

Alle Aufregung umsonst: In Bryan Singers "Operation Walküre" nimmt sich Hollywood das Recht, Geschichte auf seine Art zu überliefern - mit einem guten Film.

Andrian Kreye

Jetzt ist es raus: "Operation Walküre" ist ein guter Film. Historisch weitgehend korrekt, spannend, gut gespielt. Allerorten also Entwarnung. Das ist im Sinne der Debatte unbefriedigend. Wäre der Film ein Meisterwerk oder ein Reinfall gewesen, hätte das Werk den Streit eindeutig entscheiden können. So aber bleibt dieses öde Gefühl, das sich immer dann einstellt, wenn ein Konflikt mit der ach so langweiligen Vernunft gelöst wird. Wo bitte bleibt da das Drama, die Aufregung, wie sollen sich da die hitzigen Meinungen noch beweisen? Doch auch in diesem Konsens des Mittelmaßes bleibt die Grundsatzfrage bestehen, wie Hollywood mit großen Themen der Menschheitsgeschichte umgeht. Und die beantwortet "Operation Walküre" ganz eindeutig.

Ein guter Film: Tom Cruise als Claus Schenk Graf von Stauffenberg in "Operation Walküre".

(Foto: Foto: ap)

Handwerklich liegt die Stärke des Films deutlich im Drehbuch, das Christopher McQuarrie geschrieben hat. Darin steckt auch das eigentlich spekulative Moment von erzählerischer Lust, das man hier spüren kann. Es erinnert an den großen Wurf, der McQuarrie als 26-Jährigem gemeinsam mit seinem Schulfreund, dem Regisseur Bryan Singer, gelungen ist. Ihr Krimi "Die üblichen Verdächtigen" wurde 1994 zu einem jener epochalen Filme, deren Figuren im Kanon der Popkultur ein Eigenleben entwickeln. Da gibt es sogar in Berlin Mitte eine Kneipe, die nach dem Filmschurken Keyser Söze benannt ist.

In Berlin fanden die beiden vor ein paar Jahren den Stoff, der sie an ihren Durchbruch erinnert haben muss. Die Geschichte des missglückten Attentats, das Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler verübte, ist ähnlich wie "Die üblichen Verdächtigen" eine dramatische Intrigengeschichte mit einem Ensemble aus höchst unterschiedlichen Charakteren.

Nun hat der Zweite Weltkrieg den Nachteil, dass er wenig Spielraum für überraschende Wendungen lässt. Da aber beweisen sich McQuarrie und Singer als Meister ihres Fachs. Kunstvoll steigern sie die Spannungsmomente von Akt zu Akt. Dabei bedienen sie sich sämtlicher dramaturgischer Möglichkeiten.

Wenn Oberst Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) versucht, Hitler mit einer Paketbombe zu töten, die er in das Führerflugzeug geschmuggelt hat, und diese dann nicht losgeht, nutzen sie die schlichte Angst vor der Entdeckung des Protagonisten. Wenn Stauffenberg (Tom Cruise) die Bombe mit dem Zeitzünder endlich unter Hitlers Kartentisch platziert, kombinieren sie schon eine Staffelung von Angst vor der Entdeckung, Angst vor dem Misslingen und dem wirkungsvollsten aller Spannungsmomente, der tickenden Uhr.

Nichts als Nervenkitzel?

Das eigentliche Drama aber spielt sich nach dem Attentat ab, als Stauffenberg und seine Mitverschwörer Hitlers eigenen Notfallplan "Operation Walküre" aktivieren und für Stunden große Teile des Regierungsviertels in Berlin unter ihre Kontrolle bringen. Da realisiert der Zuschauer erst, wie klug der Putsch geplant war. Die Unvermeidlichkeit, mit der die Handlung nun auf das Ende vor dem Erschießungskommando im Bendlerblock zusteuert, kann der Spannung kaum die Spitzen nehmen. Da zeigt sich, wie souverän Singer und McQuarrie Stringenz ins Chaos bringen können.

Nicht ganz so souverän sind da die schauspielerischen Leistungen. Wahrscheinlich ist "Operation Walküre" der erste Film in der Geschichte des Kinos, der in der synchronisierten Fassung besser ist als im englischen Original. Das Problem liegt darin, dass Singer seinen Schauspielern ihre eigenen Akzente erlaubt hat. So marschiert ein hochmotivierter Tom Cruise mit seinem schneidigen amerikanischen Englisch durch ein Ensemble aus älteren Herren vorwiegend britischer Herkunft, denen man die langjährige Shakespeare-Erfahrung in jedem ihrer wohlformulierten Sätze anhört. Da prallen in den Dialogen unaufhörlich "Mission Impossible" und das "Masterpiece Theater" aufeinander. Das aber verschleift sich wohltuend im deutschen Synchronstudio.

Hollywood-Märchenstunde

So bleibt - die Spannung. Tom Cruise selbst hat es in dieser Zeitung vor zwei Tagen ganz deutlich formuliert: "Was für ein guter, spannender Filmstoff - und wie merkwürdig, dass ich von diesen Ereignissen noch nichts wusste. Es ist doch wirklich ein Thriller!" Da aber bestätigte Cruise alle Ängste und Vorbehalte gegen die Art, wie Hollywood die großen Stoffe der Menschheitsgeschichte verarbeitet. Wobei es egal ist, ob sich United Artists an der Geschichte vom guten Wehrmachtsoffizier vergreift, oder Disney für seine Zeichentrickfilme den Schatz der Sagen und Fabeln plündert. Denn es ist letztlich die Hollywood-Verfilmung an sich, die nach dem Vorurteil den Akt der Trivialisierung vollzieht. Für ein amerikanisches Publikum ist dieses Kapitel der deutschen Geschichte eben doch nichts anderes als Stoff für Nervenkitzel.

Die eigentliche Frage aber ist, ob der Vorwurf der Trivialisierung überhaupt berechtigt ist. Niemand hat so lange und gute Erfahrungen damit gemacht, die großen Stoffe der Weltgeschichte in vereinfachter Form zu erzählen, wie Hollywood. Man verdirbt ja keinem historisch interessierten Publikum die wertvolle Erfahrung, authentische Werke zu studieren. Die meisten Kinobesucher würden ihren Samstagabend allerdings kaum damit verbringen, Homer, die Brüder Grimm oder Peter Hoffmanns 700-seitige Stauffenberg-Biographie zu lesen. So übernimmt Hollywood doch letztlich die Funktion der antiken Märchen- und Geschichtenerzähler, die der Nachwelt die großen Epen der Vergangenheit überliefert haben. Solche Überlieferung ist das ureigenste Anliegen allen Erzählens - und dabei ist es dann auch egal, ob es die Form von Oden, Fabeln oder Actionfilmen annimmt.

VALKYRIE, USA 2008 - Regie: Bryan Singer. Buch: Christopher McQuarrie, Nathan Alexander; Kamera: Newton Thomas Sigel; Schnitt und Musik: John Ottman. Mit Tom Cruise, Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson, Carice van Houten, Thomas Kretschmann. Verleih: Fox, 120 Minuten.

© SZ vom 22.1.2009/holz
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