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Im Kino: Nothing Personal:Kein Dach, kein Gesetz

Ein melancholischer, lebenserfahrener Einsiedler, eine feuerköpfige junge Rebellin in der irischen Einöde: Nothing Personal zeigt die Einsamkeit, die aus der Fremde entstehen kann.

Grapschende Hände in fremdem Hausrat, so beginnt der Film. Eine junge Frau hat ihren gesamten Besitz auf die Straße gestellt, Passanten wühlen nun gierig in ihrem Zeug. Das Befummeln privater Dinge in der Öffentlichkeit hat etwas Abstoßendes und ist der passende Auftakt für einen Film, der Nothing Personal heißt und sich vom psychologisierenden Kino, wie es schon länger Mode ist, kräftig absetzt. In Urszula Antoniaks Debüt wird wenig gesprochen, und man erfährt so gut wie nichts über die beiden Hauptfiguren. Der Glaubenssatz unserer integrationssüchtigen Gesellschaft, dass man doch über alles reden können muss, dürfte der Regisseurin heftig gegen den Strich gehen.

Ein einsames Haus wird zum Hafen

Die junge Frau, Anne (Lotte Verbeek), lässt ihr Leben in Holland hinter sich, behält nur etwas Kleidung, einen Rucksack und ein Zelt, um allein durch Irland zu wandern. Flieht sie? Und vor was? Hat sie etwas/jemanden verloren? Auf Fragen nach ihrem Befinden reagiert sie abweisend, und als ein Mann sie in seinem Auto mitnimmt, kann sie dessen Nähe nur kurze Zeit aushalten, schreiend nimmt sie Reißaus. Ein einsames Haus auf einer Halbinsel wird zum Hafen; mit seinem Bewohner Martin (Stephen Rea) schließt die Frau einen Pakt: Sie arbeitet im Garten, dafür versorgt er sie mit Essen. Persönliche Fragen sind nicht erlaubt, nicht einmal ihren Namen verrät sie ihm.

Aber natürlich werden die beiden neugierig aufeinander, entdecken Gemeinsamkeiten wie ihre Liebe zur Musik, und dass auch der andere Ironie zu schätzen weiß und gut kochen kann. Einzelgänger sind beide: er der melancholische, lebenserfahrene, großzügige Einsiedler; sie die feuerköpfige junge Rebellin. Urszula Antoniak hat ihrer Hauptdarstellerin zur Vorbereitung auf die Rolle Agnès Vardas Vogelfrei/Sans toit ni loi mit Sandrine Bonnaire gezeigt. Lotte Verbeeks klassisch schönes, alle Deutungen abweisendes Gesicht mit den flammend roten Haaren hat die Kritiker begeistert und ihr auf dem Festival in Locarno einen Preis als beste Schauspielerin eingebracht.

Der Film gleicht einem Haiku

Mit Stephen Rea (bekannt vor allem aus den Filmen von Neil Jordan) gibt sie ein schönes Paar ab, dem man gern bei den stillen Gesten der Annäherung zusieht und beim einfachen Leben in dem Haus am Meer. Dort versammelt Martin nämlich nur das Beste um sich: Bücher, gute Musik und Essen, das aus dem eigenen Garten und der See nebenan stammt - schlicht, aber edel. Das wirkt alles sehr delikat, aber auch etwas geschmäcklerisch, weil Martins Lifestyle so hundertprozentig den Zeitgeist trifft.

Bei aller Intimität des Kammerspiels bleibt die Erzählung immer auf Distanz. Die Regisseurin selbst vergleicht ihren Film mit einem Haiku, so radikal verdichtet ist Nothing Personal allerdings nicht. Wie im Haiku aber spiegeln die Naturbilder des Films die Seelenzustände der Protagonisten. Am Anfang strahlt das feuchte, grüne Land etwas Tröstendes aus, weil es mit seiner saftigen Weite die Laute dämpft und die Gefühle in sich aufzusaugen scheint. Dann wieder ist es störrisch, herb, hochdramatisch und widerspenstig wie die junge Frau. Urszula Antoniak hat in Connemara gedreht, und die Landschaft ist fast zu schön für diese Geschichte, wie die Hauptdarstellerin.

Jede Beziehung hat ein logisches Ende

Als Zuschauer kann man nur spekulieren, wie stark der Film autobiographisch geprägt ist. Das Gefühl der Fremdheit kennt die aus Polen stammende, in den Niederlanden lebende Regisseurin jedenfalls gut. Die Einsamkeit, die daraus entstehen kann, dürfte noch gewachsen sein nach dem Verlust ihres Partners, von dem Urszula Antoniak im Presseheft erzählt. Ein Schlüsselbild des Films zeigt Anne, wie sie sich an einen in ein blütenweißes Laken gewickelten Leichnam schmiegt, in der Löffelchenstellung.

Jede mögliche Beziehung, sagt die Regisseurin, hat ein logisches Ende: "Wir werden von der Person allein gelassen, die vor uns stirbt." Deshalb erzählt sie ihren Liebesfilm auch als Zyklus.

NOTHING PERSONAL, Irland/Niederlande 2009 - Regie, Buch: Urszula Antoniak. Kamera: Daniel Bouquet. Schnitt: Nathalie Alonso Casale. Musik: Ethan Rose. Mit: Stephen Rea, Lotte Verbeek. MFA, 85 Minuten.

© SZ vom 8.4.2010/kar/nvm
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