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Im Kino: Nord:Mittel gegen Depression und Panikattacken

Eine schöne gradlinige Story des Überlebens im norwegischen Schnee. Rune Denstad Langlos Film "Nord" ist wirksam gegen Melancholie.

Fritz Göttler

Ein kleines Roadmovie aus Norwegen, mit minimalem Drive, das nie in Versuchung zu sein scheint, in einen höheren Gang zu schalten. "The Straight Story" von David Lynch nennt der Regisseur, der Dokumentarfilmer Rune Denstad Langlo, als einen Vorbildfilm, und "Into the Wild" von Sean Penn.

Im Norden hat man seine Zukunft schon immer hinter sich. Anders Baasmo Christiansen als Jomar.

(Foto: Foto: Filmverleih)

"Nord", der voriges Jahr das Panorama-Programm der Berlinale eröffnete, erzählt von Jomar (Anders Baasmo Christiansen), dem unförmigen Anfangdreißiger, der das Abhängen zur Existenzform gemacht hat, an einer Location, wo das das Leben zirkulär ist - ein windiger Skilift in den Bergen, einsam und wackelig, der kaum etwas vermittelt vom beschwingten alpinen Abenteuer. Einst war Jomar ein erfolgversprechender Ski-Profi, nun hockt, besser: liegt er - nach Unfall, Depression, Panikattacken - die meiste Zeit in seiner Hütte und bemüht sich, ein nordischer Oblomow, sein Leben mit möglichst wenig Aufstehen zu organisieren, mit einer Grundration an Zigaretten, Alkohol, Television.

Norwegen als die Nation, die den großen Traum schon wieder im Rücken hat, den Aufbruch in eine neue Welt probierte und wieder abbrach. "Mein Großvater", erzählt Rune Denstad Langlo, "wurde in Seattle geboren - meine Urgroßeltern waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika emigriert, mein Großvater war Goldgräber und Zimmermann, nannte sich in Louis Nelson um. In den Zwanzigern machten sie mit der Familie einen Urlaubstrip in die Heimat, nach Trondheim, und kehrten nie wieder nach Amerika zurück."

Eines Tages steht Lasse vor Jomars Hütte, der Exfreund und -nebenbuhler, er hatte Jomar sein Mädchen Linnea ausgespannt. Jomar begrüßt ihn mit einem Faustschlag auf die Nase, dann reden die beiden miteinander. Linnea lebt nun weit im Norden, sie hat eine Tochter, und Jomar ist der Vater. Nach kurzem Zögern bricht Jomar also auf, mit einem Snowmobil und einem Fünfliterkanister Alkohol. Er kommt nicht weit - hat seine Schutzbrille vergessen und wird schneeblind, muss von einem Mädchen und seiner Großmutter versorgt werden. Die Weite und die Unzugänglichkeit des Landes haben die gesellschaftlichen Formen geprägt, da stehen leere Holzhütten in der Landschaft, die wie Kisten sind, in der Vorbeikommende Schutz suchen können, und die Einheimischen begegnen Fremden mit einer Mischung aus Offenheit und Misstrauen, Hilfsbereitschaft und Abweisung.

Bist du schwul, fragt ein paar Stationen später ein Junge, Ulrik, der Jomars verunglücktes Gefährt inspiziert und auf dessen Nein immer weiter nachfragt und es genau wissen will - "Hast du schwule Freunde?" -, bevor er ihn dann reinlässt. Ulrik ist allein zu Haus, das richtigen Luxus hat, die Eltern sind in Thailand. Die Jungs wirken trotz eines beschränkten Alkoholvorrats wie ein lässiges Dreamteam des Überlebens, und man ist nun wieder unsicher, ob Ulriks Fragen nun Zeichen von Homophobie waren oder von Verlangen.

NORD, NOR 2009 - Regie: Rune Denstad Langlo. Buch: Erlend Loe. Kamera: Philip Øgaard. Schnitt: Zaklina Stojcevska. Mit: Anders Baasmo Christiansen, Kyrre Hellum, Marte Aunemo, Mads Sjøgård Pettersen, Lars Olsen, Astrid Solhaug, Even Vesterhus. Alamode, 78 Minuten.

© SZ vom 11.1.2010/iko

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