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Im Kino: Me too:Spiel hier nicht den Bekloppten

Der Festivalliebling "Me too" stellt einen Helden mit Down-Syndrom ins Zentrum der Handlung. Keine Betroffenheitsgeschichte - es darf gelacht werden.

"Spiel hier nicht den Bekloppten!" Laura zischt Daniel an, denn Daniel grimassiert, zappelt, streckt die Zunge raus, schlägt sich mit der Handfläche immer wieder gegen die Stirn. Die Szene spielt sich in einem Aufzug ab, und das Paar, das Zeuge der groben Zurechtweisung wird, wendet sich entrüstet an Laura: "Aber Sie sehen doch...!"Ja, Laura sieht, dass Daniel ein junger Mann mit Down-Syndrom ist, aber sie weiß auch, dass er hier nur eine bekloppte Nummer abzieht, um sie und das Paar vorzuführen. Daniel will Laura, in die er verliebt ist, mit seiner Keckheit in Verlegenheit bringen; und er will zeigen, dass die Gleichung "Down-Syndrom = geistig behindert" immer noch ein geläufiges Vorurteil ist. Die Demonstration gelingt ihm prächtig, er beendet sein Gezappel, bricht in Lachen aus, Laura lacht mit, und das Paar blickt indigniert drein.

Kinostarts - 'Me too - Wer will schon normal sein?'

Daniel (Pablo Pineda) ist ein Mensch, der immer besonderes Objekt der Fürsorge war. Nun will er zum Subjekt seiner eigenen Lebensgeschichte werden.

(Foto: dpa)

Eine Szene, die modellhaft vorführt, warum "Me too - Wer will schon normal sein?" zum Publikumsliebling zahlreicher Festivals avancierte. Die Regisseure Álvaro Pastor und Antonio Naharro stellen zwar einen Helden mit Down-Syndrom ins Zentrum ihres ersten Spielfilms, aber einen verkrampften Betroffenheitsfilm wollten sie keinesfalls machen. Es darf befreiend gelacht werden. Das Lachen wird zur Lockerungsübung, zur inneren Öffnung.

Pastor/Naharro schlagen einen typisch spanischen Komödien-Ton an, der sich immer wieder in aufgekratzte Fiesta-Stimmung hineinsteigert. Bei der spanischen Fiesta wird das im Alltag Ausgegrenzte ins Spiel einbezogen. Die Fiesta löst soziale Markierungen auf, verwickelt das Anderssein in den Dialog, einen Dialog, der mit körperlicher Direktheit und Übertreibungen ins Groteske operiert. Die Bilder des Normalen und des Anderen schieben sich verwirrend ineinander. So hat Buñuel in seinen Filmen immer wieder die Verrückten und Behinderten ins Spiel gebracht - da durften auch Jakobsweg-Pilger über den Mann mit dem Holzbein lachen, als seine Prothese im Flussschlamm steckenblieb, der Behinderte lachte am kräftigsten.

Zu Beginn sieht man den 34-jährigen Daniel, wie er sein Universitäts-Diplom im Fach Pädagogik in Empfang nimmt - eine Gesellschaft, die Minderheiten ausgrenzt, sei eine verkrüppelte Gesellschaft, sagt er in seiner Dankesrede. Gespielt wird Daniel von Pablo Pineda, der als erster Europäer mit Down-Syndrom ein Universitätsstudium absolvierte und viel Autobiographisches in seine Rolle einbringt. Daniel ist glücklich, dass er beim Amt für die Gleichstellung Behinderter in Sevilla einen Job erhält. Mit Charme, Intelligenz und trockenem Witz gewinnt er die Sympathien seiner Kolleginnen, die ihn "einfach süß" finden, und schon verliebt er sich in die hübsche Laura (Lola Dueñas) am Nebentisch. Zwischen beiden entwickelt sich eine schöne Außenseiter-Freundschaft, und es setzt sich die turbulente Berg- und Talfahrt einer möglichen Liebesgeschichte in Gang. Daniel will nicht nur ein Freund Lauras sein, sondern ihr Freund.

Die Liebessehnsucht sprengt jedes Fürsorgeschema. Davon handelt "Me too" im Kern: Dass ein Mensch, der immer besonderes Objekt der Fürsorge war, zum Subjekt seiner Lebensgeschichte werden will. Als Agentinnen der Überfürsorglichkeit fungieren Mütter, die nicht loslassen können. Die Konflikte, die aus einer Infantilisierung und Entsexualisierung der Fürsorge-Objekte entstehen, mag der Film freilich nicht so richtig aufblättern. Da verbleibt er in den Grenzen von Soap-Mustern, belässt es bei Andeutungen, kittet die Risse anekdotisch-versöhnlich, noch bevor sie richtig aufgebrochen sind. Auch die Zeichnung Lauras deutet ein in ihrem familiären Hintergrund lauerndes Missbrauchsthema nur an. Dass Laura mit einer Traumabewältigung zu ringen hat, wird zwar von Lola Dueñas grandios ausgespielt, bleibt aber erzählerisch ein Fabelkonstrukt in Telenovela-Manier.

Mit ihrer quasi-dokumentarischen, die Stimmungsturbulenzen heftig aufwühlenden Inszenierung heften sich Pastor/Naharro dem außergewöhnlichen Liebespaar an die Fersen und gewinnen die Überzeugungskraft ihres Dramas aus situativer Nähe und Einfühlsamkeit. Der Topos, wie aus Fürsorge-Objekten eigenmächtig handelnde Subjekte werden, hat derzeit erstaunliche Kino-Konjunktur. In Ralf Huettners "Vincent will meer" machten sich eine Magersüchtige, ein Zwangsneurotiker und ein Mann mit Tourette-Syndrom auf den Weg zur Selbstbefreiung. Als müssten die sogenannten Normalen in der verwalteten Welt am Beispiel der sogenannten Kranken ihr Verlangen nach Freiheit, Leidenschaft und Subjektsein neu erlernen.

Alfonso Postigo. Mit: Lola Dueñas, Pablo Pineda, Antonio Naharro, Isabel García Lorca. Movienet, 103 Min..

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© SZ vom 05.08.2010/kar

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