Im Kino: Lügen macht erfinderisch Die Hirne zerfließen

"Ich finde dich überhaupt nicht attraktiv": Jeder sagt die Warheit in Ricky Gervais' Film "Lügen macht erfinderisch". Für Schauspieler ist das tödlich.

Von Tobias Kniebe

Die Regeln sind schnell geklärt. Ricky Gervais teilt sie uns gleich selber mit: "Die Geschichte, die Sie gleich sehen werden, spielt in einer Welt, in der die menschliche Rasse niemals die Fähigkeit entwickelt hat, Lügen auszusprechen. Die Menschen haben Jobs und Autos und Häuser und Familien wie wir, aber jeder sagt die absolute Wahrheit. Es gibt keine Täuschung, keine Schmeichelei, keine Fiktion. Und das kann manchmal doch etwas harsch wirken..."

"Ich finde dich überhaupt nicht attraktiv", sagt Anna (Jennifer Garner) zu Mark (Ricky Gervais) bei ihrem ersten Date. Dennoch ist die Erfindung der Lüge in Ricky Gervais neuen Film am Ende untrennbar mit der Erfindung der Liebe verknüpft.  

(Foto: dpa)

Das klingt - jetzt ungelogen - erst einmal wirklich nach einer großen Idee. Und zwar vor allem, weil sie von Ricky Gervais stammt, der hier nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern zusammen mit Matthew Robinson auch das Buch geschrieben hat und Regie führt.

Denn die peinliche, schmerzhafte Wahrheit ist exakt sein Ding. Wie kein anderer Komiker verdichtet Gervais die Momente, in denen einer Figur das Gemeine, Unkorrekte, Unsagbare und trotzdem nicht Gelogene praktisch aus dem Mund plumpst - und in der jeweiligen Situation einschlägt wie eine H-Bombe: Gebäude, Gegenstände und Körper bleiben intakt, nur die Hirne zerfließen, ein Moment des zähen Entsetzens lähmt alle Gedanken und Bewegungen.

Gequält, aber nicht feindselig

Bis dann alle Beteiligten zweimal blinzeln. Und das Leben irgendwie weitergeht. Weil es muss. So war es in The Office und auch in Extras, den beiden kurzen, hochkonzentrierten BBC-Serien, die Gervais zu Recht weltberühmt gemacht haben. Und genauso wird es hier sein, hofft man. Nur viel öfter. Praktisch immer.

Ricky Gervais weiß, was er uns schuldig ist. Seine Figur Mark, die stark an seinen patentierten Loser aus Extras erinnert, klingelt also als erstes bei der schönen Anna (Jennifer Garner), um sie zu einem Date abzuholen. Sie öffnet und sagt, er sei ein wenig früh dran, sie müsse erst einmal fertig masturbieren. Was nun aber den gemeinsamen Abend angeht, gibt sie sich pessimistisch: "Ich finde dich überhaupt nicht attraktiv. Gehen wir."

So läuft es weiter: Mark gesteht, so schäbig habe er das Restaurant nun doch nicht in Erinnerung, die Kellnerin platzt heraus, dass sie sich von Anna bedroht fühle, der Kellner dagegen gesteht ungefragt, wie hübsch er sie findet und wie peinlich es ihm gleichzeitig ist, hier zu arbeiten. "Die ist ne Nummer zu groß für dich", sagt er zu Mark. Die Atmosphäre ist gequält, aber nicht offen feindselig. Die Menschen in dieser Welt sind unangenehme Wahrheiten ja nun gewohnt.

Allerdings zeigt sich dann sehr schnell, dass solche Situationen, die in anderen Ricky-Gervais-Szenarien Höhepunkte und Ausnahmesituationen waren, klaffende, hart erarbeitete Risse im sozialen Firnis, in der Umkehrung, als absolute Normalität, nicht mehr funktionieren. Eine Situation, in der niemand lügen, schmeicheln, sich selbst in besserem Licht präsentieren oder eine versteckte Agenda verfolgen darf, hat per Definition keinen Subtext, keine zweite oder gar dritte Ebene.

Menschen, die so sind, gibt es im Leben zwar ausnahmsweise schon - man denke nur an missionierende Zeugen Jehovas - im Kino und im Theater aber nie. Warum, das zeigt sich hier bald in erschreckender Klarheit: Schauspieler, denen man den Subtext nimmt, die ihre Szenen nur noch eins zu eins spielen dürfen, sind verloren. Sie hören auf, Schauspieler zu sein, ihre Figuren bleiben dem Zuschauer gleichgültig - und vor allem sind sie nicht komisch. Echte Größen wie Tina Fey, Edward Norton, Philip Seymour Hoffman probieren es aus, in Nebenrollen - und scheitern allesamt eindrucksvoll.

Höchste Zeit für die Erfindung der Lüge

Das war so sicher nicht geplant, aber es enthüllt ein interessantes Problem: Das Kino, das ja oft eher gedankenlos die Kunst des schönen Scheins genannt wird, ist ohne die Lüge tatsächlich nichts. Oder anders gesagt: Es kann eine durch und durch verlogene Welt sehr gut abbilden und sogar in seltenen Augenblicken zur Wahrheit vorstoßen. Würde aber eines Tages die Wahrheit die absolute Herrschaft ergreifen, wäre es erledigt, tot, am Ende.

Höchste Zeit also für die Erfindung der Lüge, die Mark alias Ricky Gervais hier dann beim Besuch einer Bank gelingt - und zwar nur ihm. Von quälender Geldnot getrieben, macht es plötzlich Klick in seinem Hirn - und fortan kann er seinen Mitmenschen, die ihm natürlicherweise alles glauben müssen, erzählen was er will. Im Handumdrehen wird er reich und berühmt und erfolgreich, er begründet das fiktionale Erzählen, die erste Religion und noch ein paar andere Dinge, die wir heute als selbstverständlich hinnehmen. Bald könnte er alles haben - nur die Liebe nicht. Denn Anna, der Frau, die er begehrt, möchte er einfach keine Lügen erzählen.

Nach allen Hollywood-Standards müsste der Film hier nun zu dem Schluss kommen, dass die Lüge schlecht ist und zur ewigen Verdammnis führt, während der Wahrheit eine befreiende, lebensverändernde Kraft innewohnt - eine Schockbehandlung, wie sie zum Beispiel Jim Carrey in dem genau anders herum gepolten Liar, Liar erfuhr. Soweit geht Ricky Gervais nicht - er belässt der Schmeichelei, der freundlichen Notlüge und auch der Vorstellung ihr Recht, sich für das Leben nach dem Tod eine bessere Welt zu imaginieren.

Um aber doch zu einer Art Happy End zu kommen, benutzt er einen Trick: Die tägliche Brutalität der Wahrheit, suggeriert er, hat auch die Fähigkeit der Menschen verkümmern lassen, den anderen trotz seiner Fehler zu akzeptieren - und irrationale Entscheidungen zu treffen, die das Herz diktiert. Die Erfindung der Lüge ist deshalb am Ende untrennbar mit der Erfindung der Liebe verknüpft. Und das ist dann doch etwas, nun ja - verlogen vielleicht?

THE INVENTION OF LYING, USA 2009 - Buch, Regie: Ricky Gervais, Matthew Robinson. Kamera: Tom Suhrstedt. Mit R. Gervais, Jennifer Garner, Jonah Hill, Tina Fey. Verleih: Universal, 99 Min.

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