Im Kino: "Ken Park" Sex am Rande des Nervenzusammenbruchs

Solche Großaufnahmen bekommt man im regulären Kino nicht oft zu sehen. Und den Vorwurf, er sei von Teenager-Sex besessener als ein Teenager, hat sich Regisseur Larry Clark auch schon vor "Ken Park" anhören müssen. Ein Balanceakt hart am Rande der Pornografie ist auch diesmal wieder daraus geworden.

Von SUSAN VAHABZADEH

Crap Neck...den Kopf voller Mist, der Titel von Larry Clarks neuem Film ist ein trauriges Wortspiel: "Ken Park" ist ein Junge aus einem kalifornischen Kaff, der Film beginnt mit seiner fröhlich, irgendwie ziellos wirkenden Fahrt auf dem Skateboard. Dann setzt er sich hin, zieht eine Knarre aus der Tasche, hält sie sich an den Kopf und drückt ab.

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Wenn man den Namen falsch herum liest, erzählt sein Freund Shawn aus dem Off, dann kommt Krap Nek heraus - den Kopf voller Mist. Er fühlt sich, sagt Shawn, irgendwie schuldig am Tod von Ken Park, obwohl er damit gar nichts zu tun hatte.

Immer, wenn einem ein Film vorenthalten wird, ist man naturgemäß besonders neugierig - "Ken Park" ist zwei Jahre alt, in Venedig und auf unzähligen Festivals gezeigt worden und gilt, gelinde gesagt, als umstritten; in einigen Ländern ist er auf dem Index gelandet, in Deutschland erst ab 18 Jahren freigegeben. Außerdem hat sich für das Projekt ein ziemlich illustres Trio zusammengefunden - Larry Clark, dessen "Kids" ihm den Ruf einbrachte, von der amerikanischen Jugend zu erzählen wie kein zweiter; Harmony Korine, schon bei "Kids" Drehbuchautor und für die eigene Regiearbeit "Gummo" hochgelobt; und Ed Lachman, der hier auch Co-Regisseur ist und ansonsten immer schon ein hervorragender Kameramann war, unter anderem bei "The Limey", "Erin Brockovich" und "Far from Heaven" .

"Ken Park" folgt einer Gruppe von Teenagern über ein paar Tage hinweg. Shawn schläft mit der Mutter seiner Freundin, einem silikongefüllten Ex-Cheerleader, dem das Altern schwerfällt. Claudes Mutter ist wieder schwanger, der Vater, ein arbeitsloser Säufer, dessen Männerbild der Junge nicht entspricht, begegnet ihm mit physischer und verbaler Aggression, vor der die Mutter Claude nicht schützt. Peaches sieht ihrer toten Mutter ähnlich, von der der Vater genauso besessen ist wie von der Bibel. Tate lebt bei seinen Großeltern, die ein bisschen senil sind und sich terrorisieren lassen von ihrem Enkel. All diese Erwachsenen sind mies, manchmal für einen Augenblick mitleiderregend, aber Clarks Emotionen konzentrieren sich auf die Kinder. Ihnen wird nichts Nachahmenswertes vorgelebt und sie haben keine Ziele, was übrig bleibt, ist geradezu archaisch, alle vier flüchten sich in sexuelle Abenteuer.

Den Vorwurf, er sei von Teenager-Sex besessener als ein Teenager, hat sich Larry Clark auch schon vor "Ken Park" anhören müssen. Ein Streitpunkt bei diesem Film ist, wie weit die Bebilderung dieser sexuellen Freizügigkeit geht - ein Balanceakt am Rande der Pornografie, solche Großaufnahmen bekommt man im regulären Kino nicht oft zu sehen. Nun ist es aber dem Thema immanent, dass die Kamera nicht halt macht vor Masturbationsszenen und Blow-Jobs. Wenn der Blick auf diese Kids unverstellt sein sollte, kann Clark nicht abblenden, sobald es um Sex geht - mal abgesehen davon, dass ihm das ohnehin fern liegt, wäre eine solche Haltung verlogen. Verstörendes wird zwar durch Wiederholung nicht verstörender. Der Stellungsmarathon in "Ken Park" beginnt aber nach einer Weile, unangenehme Langeweile zu verbreiten. Diese Kids haben also nur Sex im Kopf, das hat man dann kapiert und die Szenen haben nichts mehr beizutragen zur Geschichte.

Larry Clark will schonungslos sein; diese Art von Filmen über die amerikanische Jugend ist aber inzwischen fast zu einem eigenen Genre geworden, und Larry Clarke muss aufpassen, dass die Schonungslosigkeit bei ihm nicht zur Pose verkommt, er sich so verrennt in seinen Vorstellungen, dass er seinen Wunsch, abzubilden, zu beobachten, nicht mehr erfüllen kann. Clark, Lachman und Korine lassen ein Monstrositätenkabinett vorüberziehen, eine Welt, in der sexuelle Übergriffe auf die eigenen Kinder, häusliche Gewalt und Zerrüttung vollkommen normal zu sein scheinen, so wie das, auf großartige Weise, auch Todd Solondz mit "Happiness" und Ulrich Seidl mit "Hundstage" gemacht haben - Filme, von denen man sich erst nach Tagen wieder erholt. "Ken Park" ist faszinierend, verstörend, manchmal bewegend. Aber es stellt sich noch ein anderes Gefühl ein. Nimmt man Clark diese Charaktere, das, was sie tun, was ihnen geschieht, wirklich ab? Am besten ist "Ken Park" in seinen unspektakulären Momenten - wenn die Kids zusammensitzen und reden. In meinen Träumen bin ich immer hier, sagt Shawn - ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, weil ich keinen anderen kenne.

KEN PARK, USA/NL/F 2002 - Regie: Larry Clark, Ed Lachman . Drehbuch: Clark, Harmony Korine. Kamera: Ed Lachman Darsteller: Tiffany Limos, Stephen Jasso, James Ransone, James Bullard, Amande Plummer, Adam Chubbuck. Neue Visionen, 96 Minuten.