Im Kino: "Julie & Julia"Butter ist die beste

Lesezeit: 3 Min.

Romantischer Geschmacksträger: Für Meryl Streep und Amy Adams ist in der kulinarischen Komödie "Julie & Julia" die Küche der Ort der Selbstfindung.

Susan Vahabzadeh

Nora Ephron hat mit den Jahren ein eigenes Genre erfunden, den komischromantischen Frauenselbstfindungsfilm, meistens einem sehr phantasievollen, aber unendlich freundlichen Männerbild verhaftet. Sie hat mit ihren Drehbüchern - zu "Silkwood" und "Harry und Sally" - und mit ihren eigenen Filmen - "Schlaflos in Seattle", "E-Mail für dich" - Meryl Streep zur großen tragischen Heldin und aus Meg Ryan eine moderne Traumfrau gemacht und den doch recht durchschnittlichen Tom Hanks in einen Traumprinzen verwandelt.

Meryl Streep ist in dem Frauenselbstfindungsfilm "Julie & Julia" als Küchenheldin zu sehen.
Meryl Streep ist in dem Frauenselbstfindungsfilm "Julie & Julia" als Küchenheldin zu sehen. (Foto: Foto: Sony)

Ein Weinkrampf vor Erschöpfung, den nur Frauen kennen

Romantische Komödien für Frauen gibt es viele, aber extrem selten werden sie auch von Frauen erzählt - und die von Nora Ephron haben immer wieder kleine Momente, da dies eine große Rolle spielt. In diesem beispielsweise, "Julie & Julia", gibt es einen Weinkrampf aus Erschöpfung, von dem Männer so einfach nicht erzählen können. Ephron hat sich für "Julie & Julia" zwei wahre Geschichten genommen, sie erzählt von zwei Frauen, die ausgerechnet in der Küche mit sich selbst und ihrem Leben ins Reine kommen. Dass sie uns nebenbei weiszumachen versucht, die Fernsehköchin und Buchautorin Julia Child habe mit ihrem Standardwerk "Mastering the Art of French Cooking" in den Sechzigern die USA in eine kulinarische Hochburg verwandelt, ist eine lässliche Fiktionssünde.

Zwei Paare, zwei Zeiten, zwei Orte - Julia Child (Meryl Streep) und ihr hingebungsvoller Gatte (Stanley Tucci) kommen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich. Julie (Amy Adams) ist, ein paar Jahrzehnte später, eine junge Frau, die ihr Mann (Chris Messina) gerade ins scheußlichste Appartement von Queens verschleppt hat, über einer Pizzeria, und die an ihrem schlechtbezahlten Job fast zugrundegeht - sie macht Telefonseelsorge für die Hinterbliebenen, nach den Anschlägen des 11. September. All ihre Freundinnen sind erfolgreicher als sie, und auf der Suche nach etwas, was sie wirklich mit Freuden tut, kommt sie auf die Idee, ein dickes, mehrbändiges Kochbuch komplett nachzukochen und darüber zu schreiben.

Ephron hat diese zwei Erzählebenen sehr organisch ineinander verwoben. Dass "Julie & Julia" manchmal sehr rührend ist, liegt nicht nur am nostalgischen Unterton, sondern vorwiegend an den beiden Ehemännern, die sich, kulinarisch und auch sonst, alles bieten lassen. (Wer das für keine Besonderheit in einem Film hält, dem sei die Lektüre einiger amerikanischer Kritiken empfohlen, deren Autoren sich sehr verwundert gaben über die passiven Dulderrollen, die Ephron Messina und Tucci da auf den Leib geschrieben hat. Hat sich schon mal jemand über die hingebungsvollen Gattinnen des Kinos gewundert?)

Küchenheldin mit Selbstironie oder Verhaltensstörung

Vor allem aber ist der Film oft komisch - was nicht zuletzt der realen Küchenheldin zu verdanken ist, die Ephron hier verwurstet hat. Julia Child, ehemals Angestellte beim OSS, spätverheiratet mit einem Diplomaten, nach Frankreich versetzt und dort, auf der Suche nach Beschäftigung, in eine Männerdomäne eingebrochen - sie wagte es, zu kochen, nicht wie eine Hausfrau, sondern wie ein großer Küchenchef. Daraus wurden besagtes Buch, mit zwei französischen Ko-Autorinnen verfasst, und eine Fernsehreihe.

Was Meryl Streep in dieser Rolle treibt, ist, man kann sich das Original ja immer noch anschauen, nur eine winzige Nuance von der echten Julia entfernt, die entweder sehr viel Selbstironie hatte oder eine Verhaltensstörung. Es kommt im Film eine Saturday-Night-Live-Parodie von Dan Aykroyd vor, der Julia Child mit Hackmesser und Schürze blutrünstig huldigte - und selbst darin ist die echte Julia noch sehr gut erkennbar.

Ohne Butter, lehrt uns Julia Child, wird nichts was beim Kochen - der wichtigste Geschmacksträger, der jede einzelne Note überhaupt erst zur Geltung bringt, und man kann gar nicht genug davon verwenden. Nun weiß jeder, der gern kocht und isst, dass das zwar irgendwie richtig ist und doch nicht immer stimmt: Es gibt, selbst beim schmackhaftesten Fett, eine Grenze, bei der der Verdauungsapparat rebelliert. Man hat, schaut man "Julie & Julia" an, den Eindruck, es ginge Nora Ephron ähnlich mit ihren beiden Hauptdarstellerinnen - sie konnte nicht genug bekommen von Meryl Streeps überkandidelten Verzückungsschreien und Amy Adams' rehäugigen Niedlichkeiten; und manchmal verliert sie dabei das Gefühl für die Toleranzschwelle ihrer Zuschauer. Ein Bestseller war "Mastering the Art of French Cooking" übrigens nicht - jetzt erst, ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen, hat Nora Ephrons Film es dazu gemacht.

JULIE & JULIA, USA 2009 - Regie, Buch: Nora Ephron. Basierend auf den Büchern "Julie & Julia" von Julie Powell und "My Life in France" von Julia Child. Kamera: Stephen Goldblatt. Mit: Meryl Streep, Amy Adams, Stanley Tucci, Chris Messina. Sony, 123 Minuten.

© SZ vom 03.09.2009 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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