Im Kino: "Il Divo" Mr. Hyde thront in Rom

Giulio Andreotti war der mächtigste Strippenzieher der italienischen Politik, ein skurriler Gnom, umgeben von Eitlen und Geblähten: Im Vergleich zur Politfarce "Il Divo" übt Berlusconi noch.

Von Rainer Gansera

Furioser, imposanter Beginn: wenn Premierminister Giulio Andreotti (Toni Servillo) den engsten Kreis seiner Vertrauten um sich schart und das Treffen gleich aussieht wie die verschwörerische Versammlung einer Mafiaclique bei ihrem Paten. Da rollen die dicken Limousinen in den Innenhof des Palastes der Macht. Der eitle Finanzminister Pomicino (Carlo Buccirosso) erscheint wie in einem Werbespot: flankiert von zwei modelhaft aufgebrezelten Schönheiten, seinen Pressesprecherinnen. Der grobschlächtige Staatssekretär, Andreottis "rechte Hand", wieselt umtriebig durch die Säulengänge. Und wenn der schwergewichtige Sbardella (Massimo Popolizio), potentester Stimmenfängerstratege der christdemokratischen Partei, dem Auto entsteigt, gibt es eine Extraeinstellung auf die sich hebende Hinterachse, als würde der Wagen aufatmen bei der Befreiung von seiner Last.

Spinne im Netz: Toni Servillo als Andreotti.

(Foto: Foto: dpa)

Gekonnt spektakulär setzt der neapolitanische Regisseur Paolo Sorrentino, Jahrgang 1970, das in Szene, im Tonfall einer Politfarce: mit Zeitlupendehnungen à la Tarantino, mit einem fellinesken Willen zur ekstatischen Karikatur, mit Bildern in der Art jener Comicstrips, die den Gemälden alter Meister ihre visuellen Imposanz-Effekte abgewinnen. Man kann verstehen, warum die Cannes-Juroren voriges Jahr, angesichts einer Flut von alltagsrealistischen Wettbewerbsfilmen, diesem hochstilisierten Virtuosenstück den Preis der Jury zuerkannten.

Jede Geste auf die Goldwaage

Schon im ersten Gruppenbild seines Andreotti-Porträts zeichnet Sorrentino den entscheidenden Kontrast: Der mächtigste Strippenzieher der italienischen Politik ist umgeben von Eitlen, Geblähten, theatralisch Intrigierenden, selbst aber sitzt er teilnahmslos inmitten der Turbulenzen, reglos wie die auf ihre Opfer lauernde Spinne im Netz der Macht. Dieser Andreotti, brillant verkörpert von dem jede Geste auf die Goldwaage legenden Toni Servillo, ist ein hutzeliges Männchen mit fledermausigen Ohren, Buckel und bebrillten Eulenaugen. Eine gnomische Erscheinung, von Migräneattacken geplagt, und wenn er sich einen Kranz von Akupunkturnadeln einstechen lässt, sieht er beinahe wie ein einsamer Schmerzensmann aus. Aber er zieht die Fäden, an denen alle anderen zappeln, und wenn er in aufgeräumter Stimmung ist, gibt er seine legendär zynischen Bonmots zum Besten: "Macht reibt nur den auf, der sie nicht hat." Oder: "Wenn ich in die Kirche gehe, spreche ich nicht mit Gott, nur mit dem Priester, denn Gott geht nicht wählen!"

So virtuos aber Sorrentino seine Farce-Rhetorik ausfächert, es kommt - spätestens zur Halbzeit des Films - der Augenblick, in dem es zu viel wird. "Il Divo" kapriziert sich auf die Ausstellung seiner auftrumpfenden Rhetorik. Man würde aber gern genauer wissen, wie Andreottis Machtspiele funktionierten. Wie konnte der Mann aus 29 gegen ihn geführten Prozessen mit Freispruch herauskommen? Welche Interessensgruppen vertrat dieser Politiker, der über fünf Jahrzehnte hinweg siebenmal Premierminister war und fünfundzwanzigmal diverse Ministerposten besetzte, der auch heute noch als Senator einflussreich agiert? Was ist dran an den Vorwürfen Aldo Moros, der Andreotti in Albträumen als Gewissensquälgeist heimsucht? Moro, der 1978 von Rotbrigadisten entführt und ermordet wurde, war innerparteilich Andreottis Gegenspieler. In seiner Gefangenschaft notierte er massive Anschuldigungen gegen den "Schattenmann": dass der verwickelt gewesen sei in die Steuerung terroristischer Aktivitäten von Geheimdiensten, Rechtsextremisten und der Geheimloge P2 .

Missfallend am Ring gedreht

Sorrentino belässt es bei schwer zu entschlüsselnden Anspielungen, verbleibt in einem neckischen, satirisch-anekdotischen Irgendwie. Er konzentriert sich darauf, das Skurrile an der AndreottiFigur herauszustreichen, beschreibt ausführlich dessen patriarchale Hofhaltung, wenn er unterwürfigen Bittstellern Geschenke zusteckt, und erklärt, worauf Interviewer zu achten haben: Wenn der Alte Däumchen dreht, signalisiert das Interesse, wenn er an seinem Ehering schraubt, ist das eine Missfallenskundgebung.

Es kommt auch der Augenblick, in dem sich die Haltung des Films als zutiefst fragwürdig entpuppt: Wenn Sorrentino das zerbombte Automobil des Staatsanwalts und erfolgreichen Mafiajägers Giovanni Falcone in Zeitlupe durch die Luft segeln lässt und die Szene als Lacher funktionieren soll, als Gag, der den korrupten Politzirkus zum x-ten Mal verwitzeln soll. Da werden die Opfer von Andreottis Politik zu Gagmaterial verarbeitet. Da bleibt von Sorrentinos erklärter Absicht, die Andreotti-Figur der satirischen Dekonstruktion preiszugeben, nichts mehr übrig.

"Il Divo" produziert eine fatale Bewunderung für seinen Helden, in der Art: "Ist doch ein irrer, faszinierender Typ dieser machtgeile Gnom!" Bewunderung für den raffinierten Machtmenschen, gepaart mit einem Überlegenheitsgefühl hinsichtlich der karikierten Erscheinung. Eine subalterne Perspektive, die am Faszinosum der Figur kleben bleibt. In "Richard III." hat Shakespeare beispielhaft vorgeführt, wie die Faszination eines machtbesessenen Tyrannen gebrochen werden kann: indem man ihn als Apokalyptiker entlarvt. Matteo Garrones grandioser "Gomorrha" zeigt die Mafiawelt so rückhaltlos als Inbegriff des Hässlichen, Banalen und Menschenverachtenden, dass kein Fünkchen Faszination übrigbleibt. Im Vergleich dazu erweist sich "Il Divo" geradezu als dem Faszinosum Andreotti verfallen, als Bewunderungsbild eines Politikers, der "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" zu seinem Lieblingsfilm erklärt - und der davon ausgeht, dass alle politisch Agierenden, die moralischen Prinzipien folgen, sich unweigerlich lächerlich machen würden.

IL DIVO, I 2008 - Regie, Buch: Paolo Sorrentino. Kamera: Luca Bigazzi. Musik: Teho Teardo. Mit: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Giulio Bosetti, Flavio Bucci, Carlo Buccirosso, Giorgio Colangeli, Alberto Cracco, Piera Degli Esposti, Paolo Graziosi, Fanny Ardant. Delphi, 117 Minuten.