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Im Kino: I Killed My Mother:Die hohe Kunst des Hassens

Noch nie gab es einen Film, der aus einem Käserest in Mutters Mundwinkel ein so grandioses ödipales Drama machte: das Filmdebüt des Regie-Wunderkindes Xavier Dolan, "I Killed My Mother".

Rainer Gansera

"Du frisst wie ein Schwein! Da im Mundwinkel hängt noch ein Klecks Frischkäse - andere Seite - am Kinn auch noch!" Hier wird kein unartiges Kind gemaßregelt, hier bombardiert der 17-jährige Hubert seine alleinerziehende Mutter Chantal (Anne Doval) am Frühstückstisch mit den Giftpfeilen seiner Abscheu und Verachtung. Mit dieser Szene eröffnet Regisseur und Hauptdarsteller Xavier Dolan die erste Runde seines ödipalen Mutter-Sohn-Zweikampfs und er filmt sie mit derart provokanter Direktheit - Supergroßaufnahme seines angewiderten Blicks, dann die Zunge der Mutter, die nach dem Käserest sucht und die ganze Sache immer ekliger macht -, dass die Schockwellen dieser Verachtungsattacke den ganzen Film durchzittern.

Themendienst Kino: I Killed My Mother

Wütender Hauptdarsteller und Regisseur in einer Person: Xavier Dolan als Hubert in dem Drama "I Killed My Mother".

(Foto: dapd)

Schock und Faszination. "I Killed My Mother" ist neben vielem anderem - Coming-of-age-Tagebuch, Drama des begabten Kindes, Eloge auf die Arroganz und Schönheit der Jugend - ein Film über die hohe Kunst des Hassens und der Hassliebe: "Weil man alles, was man hasst, eigentlich ja auch mag" (Tocotronic). Hubert liebt seine Mutter mit derselben Vehemenz und Hysterie, wie er sie hasst.

Es wird rührende Szenen geben, wo er für sie kocht und putzt und ihr seine Liebe erklärt. Da sprudelt die Wahrheit derart verzweifelt aus ihm heraus, dass kein Zweifel über den autobiografischen Background der Story aufkommen kann. Mit 17 schrieb der in Montréal geborene Xavier Dolan das Drehbuch wie in einem kathartischen Akt der Existenzklärung, mit 19 drehte er den Film, auf dem Festival in Cannes 2009 erhielt er dafür die erste seiner zahlreichen Auszeichnungen und wurde als "Regie-Wunderkind" gefeiert. Zu Recht, denn Dolans Stil verknüpft Schönheit und Phantasie, Witz und Präzision wie mühelos. Autorenkino im reinsten Sinne der Definition Truffauts: Filmemachen in der ersten Person als Akt der Liebe, wahrhaftig wie ein Bekenntnis oder Tagebuch.

Huberts Mama ist keine manipulative Hexe wie die Mutter-Gestalt in "Black Swan", sondern eine völlig überforderte Alleinerziehende, die dem Sohn mit jeder vorwurfsvollen Geste bedeutet, dass er ihr lästig sei. Sie ignoriert ihn, hält Versprechen nicht, foltert ihn mit ihren Geschmacklosigkeiten. Wenn sie durch Zufall - eine herrliche Szene im Sonnenstudio - erfährt, dass ihr Sohn schwul ist, wirft sie ihm vor, dass er ihr nichts davon erzählt habe. Die Katastrophe ist, dass sie nie etwas davon bemerkt hat.

Seine Gegenwelt findet Hubert in der Kunst und in der Liebe: Komplizenschaft, Schönheit, Intimität. So entsteht eine erstaunliche Mischung aus Pamphlet und Poesie. Dolan provoziert rückhaltlos, zeigt seinen Hubert von Anfang an auch als anmaßend, hysterisch, narzisstisch. Noch nie gab es einen Film, der aus einem Käserest in Mutters Mundwinkel ein derart grandioses ödipales Drama entfachen konnte.

J'AI TUÉ MA MÈRE, Kanada 2009 - Regie, Buch, Produktion: Xavier Dolan. Kamera: Stéphanie Weber-Biron. Mit: Anne Dorval, Xavier Dolan, Suzanne Clement, François Arnaud, Patricia Tulasne. Kool Filmdistribution, 100 Minuten.

© SZ vom 08.02.2011/rus

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