Im Kino: Harry Potter Vom Terror der Bedeutsamkeit

All hell breaks loose: In "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" verlassen die Jungzauberer endlich ihre Schule. Der Auftakt zum großen Finale.

Von Fritz Göttler

Im nächsten Potter-Film, verspricht Regisseur David Yates, wird wirklich der Teufel los sein. All hell breaks loose ... und das in 3-D. (Schon dieser Film sollte in 3-D konvertiert werden, aber die Ergebnisse waren noch nicht befriedigend, also wird die 3-D-Version demnächst nachgeliefert.) Der nächste Film wird auch der letzte sein, die finale Konfrontation, die entscheidende Schlacht zwischen Gut und Böse. Der fiese Lord Voldemort und seine finsteren Konsorten gegen Harry Potter, den Auserwählten, und seine Freunde Ron und Hermine.

Daniel Radcliffe als Harry Potter (links) und Emma Watson als Hermine Granger bleibt nur die selbstorganisierte Landverschickung, das Leben in einem Zelt in den Wäldern.

(Foto: AP)

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes also, Nummer sieben der Serie von Joanne K. Rowling. Man hat den Roman in zwei Filme aufgeteilt, um die Menge an Stoff zu bewältigen, der zweite Filmteil wird im nächsten Sommer starten. Der erste ist also die Ruhe vor dem Sturm, eine Atempause, ein Luftholen, und das ist manchmal so traurig schön wie ähnliche Passagen bei Homer oder im Nibelungenlied, im Kino von Raoul Walsh oder Nicholas Ray. Diese unbeirrbare Gelassenheit, als ob man alle Zeit der Welt hätte.

Und man kommt endlich raus aus Hogwarts, der holzgetäfelten, traditionsgesättigten Kaderschule der Zauberkunst. Die Aura des Elitären, die einem die bisherigen Filme doch irgendwie verleiden konnte, ist einer neuen Freiheit gewichen, erregend und beängstigend zugleich. Und immer wieder ertappt man sich dabei, auf Kreativität, Impulsivität, Spontaneität zu hoffen.

Einmal, als Harry, Ron und Hermine sich in den Wäldern verstecken, unter einem Zauberschutzschirm, der sie unsichtbar macht, streicht eine feindliche Jugendgang an ihrem Lager vorbei, und einer von denen hält plötzlich inne, er schnuppert, kann die Präsenz der jungen unsichtbaren Frau riechen. Eine aufregende Erfahrung, eine neue Sinnlichkeit.

Ministerium der Furcht

Es herrscht inzwischen Krieg im Lande, deshalb schaut der Film aus wie die britischen WWII-Filme der Vierziger. Das Ministerium für Magie, das eigentlich eins der Furcht ist, verfolgt unerbittlich die Rassenschande, die Vereinigung von Menschen und Zauberern, und wie jedes totalitäre Regime ist es seine eigene Parodie. Um ihre Eltern zu schützen, löscht Hermine deren ganze Erinnerungen an die Tochter, eliminiert sich selbst auf den Fotos, die im Wohnzimmer platziert sind.

Um sich vor der Verfolgung zu schützen, bleibt ihr, Harry und Ron nur die selbstorganisierte Landverschickung, das Leben in einem Zelt in den Wäldern, in Kälte und Einsamkeit. Im Radio werden die Listen der getöteten Menschen verlesen, aber einmal kommt auch ein Song, es ist Nick Caves Oh, children, und Harry tanzt mit Hermine, unbeholfen und fröhlich und ein wenig feierlich. Ein Moment, der die Resignation besingt, sich ihr aber nicht ergeben wird: "O children, lift up your voice, children, rejoice, rejoice ..." Und die Wildnis wird zum Wartesaal der Zivilisation.

David Yates hat gar keine Bedenken solchen Ruhepunkten der Geschichte gegenüber, der voranschreitenden Historie, er lässt den megakomplexen Rowling-Plot manchmal verkümmern zum Rudiment. Entscheidende Szenen sind kurz durchgezogen bis zur Unverständlichkeit. Aber natürlich kann man sicher sein, wenn es zu den Kämpfen kommt, werden wieder die alten Taktiken, die erprobten Geräte, die überlieferten Sprüche zum Einsatz gebracht. Das ist das Entmutigende in dieser Potter-Welt, dass sie so restriktiv, so reaktionär aufgebaut ist, alles wird von der alten Generation auf die junge vererbt.

Ein Film, der davon träumt, ein echtes Roadmovie zu werden, ein Pionierfilm, wo alles kurz und einfach und kristallklar ist. Aber die Pfade sind immer schon vorgeschrieben, die Zeichen und die magischen Gegenstände ausgelegt, um gefunden, gedeutet, gesammelt zu werden - der Terror der Bedeutsamkeit.

Damit man vom Reichtum des Dings und von der Tiefe des Sinns loskommt, hat Roland Barthes geschrieben, müssen die Gegenstände präzise, beweglich und leer sein. Als man David Yates vorschlug, den neuen Potter-Film in 3-D zu drehen, hat er den Fachleuten kein Effektestück zur Probe gegeben, sondern die "Oh, children"-Tanzszene. Hier sah er eine andere Choreographie, die neue Dimension des Kinos.

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS: PART I, GB/USA2010 - Regie: David Yates. Buch: Steve Kloves. Nach dem Roman von J. K. Rowling. Kamera: Eduardo Serra. Musik: Alexandre Desplat. Mit: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Ralph Fiennes, Bill Nighy, Brendan Gleeson, Alan Rickman. Warner, 146 Minuten.

Simsalabim

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