Im Kino: "Goebbels-Experiment" Und täglich grüßt die Mickey Mouse

"Man soll den Schmerz allein auskosten." Lutz Hachmeister hat einen Film über den Propagandaminister der Nazis gedreht. Das "Goebbels-Experiment" heißt er und darin sieht man diesen Einpeitscher in einer entwaffnenden Nacktheit.

Von FRITZ GÖTTLER

Ein klassischer Phantomfilm, sein Phantom ist Dr. Joseph Goebbels, Propagandaminister des "Dritten Reichs", spiritus rector der Judenausrottung und der deutschen Weltherrschaft, Einpeitscher des totalen Kriegs.

Propagandaminister Goebbels im Gespräch mit Schauspielerin Brigitte Horney, undatiertes Foto.

(Foto: Foto: dpa)

1941 kommt er nach Venedig, zu den Filmfestspielen, nimmt eine Auszeit im großen Krieg, die Atmosphäre der Stadt ist magisch, die Frauen sind schön, die Empfänge toll, aber was nützt der schönste Empfang, wenn die Filme so schrecklich sind.

Irgendwann in einer der Nächte macht er sich nach so einem Empfang nochmal davon, man sieht ihn durch die monderhellten Gassen wandeln, um die Ecke biegen. Ein Mann allein, ein Mann, der sich seiner Einsamkeit widmet.

Das ist natürlich eine filmische Vision, von einer Existenz, von einer Persönlichkeit, die mit realistischen Mitteln nicht zu fassen ist.

Was wäre gewesen, wenn der Mann wirklich um die Ecke gebogen und aus dem öffentlichen Leben verschwunden wäre. Wenn er den Träumen gefolgt wäre, die er immer wieder in den schwadronierenden Passagen seiner Tagebücher artikuliert, der Sehnsucht nach Frieden und Einsamkeit? Und wie steht diese Sehnsucht in Zusammenhang mit der dämonischen Manipulation, der er das deutsche Volk unterzogen hat?

Lutz Hachmeister lässt in seinem Film "Das Goebbels-Experiment" allein Goebbels zu Wort kommen, ohne jeden beruhigenden Kommentar, ohne historische Erklärung, ohne Teufelsaustreibung.

Udo Samel liest Passagen aus den Tagebüchern, dazu sieht man Wochenschau- und anderes Archivmaterial, Aufnahmen von den Orten und Stätten, an denen der Autor gelebt, die er besuchte, die ihm teuer waren. Im Tagebuch will er seine rheinische Lässigkeit beweisen - "Im rheinischen Volk habe ich meine Wurzeln, sein Witz, sein Temperament, seine leichte Beweglichkeit sind die Leitsterne meines Lebens gewesen." -, aber jeder zweite Satz malträtiert barbarisch die deutsche Sprache.

Von allen Spiel- und Dokumentarfilmen, die seit dem "Untergang" in unsere Kinos kamen - allein diese Woche laufen zudem "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß", ein Vergangenheitsaufarbeitungs-Experiment von Malte Ludin, und "Ewige Schönheit" von Marcel Schwierin, über die Nazi-Ästhetik an -, ist "Das Goebbels-Experiment" der kühnste und der einfachste.

Er zeigt uns Goebbels in Bild und Ton, und die scheinbar simple Montage, der Verzicht auf den Kommentar haben sofort Argwohn erregt bei den ersten Aufführungen des Films auf der Berlinale - als würde ihm dadurch kritiklos das Feld überlassen. Ähnlich misstrauisch wurde seinerzeit Bruno Ganz beäugt, als er im "Untergang" versuchte, in Hitlers Haut zu kriechen.

Es ist die Verführungskraft des Kinos allgemein, die es den Intellektuellen weiterhin suspekt macht, untauglich für die Aufklärung. Hachmeister versucht es also andersherum, er will Geschichte erklären, indem er sie vorführt.

Eine Diskrepanz prägt den Film, zwei Gegenbewegungen, die das Leben und Wirken von Goebbels beherrschen - der Rückzug und der Vormarsch, das Verschwindenwollen und die drängende Präsenz. Wenn die Bilder und Worte aneinander stoßen, schaffen sie Momente der Irrealität, da kommt über die reine Abbildung hinaus immer ein Moment historischer Imagination ins Spiel. Goebbels will die treibende Kraft sein im Nazi-Reich, er will die entscheidenden Ämter, will Außen- und Weltpolitik machen.

Der Lebenslauf scheint anfangs beinahe kafkaesk: Jugend in der Kleinstadt Rheydt, Studium, schon früh eine Todesobsession - "In Heidelberg promovieren und dann Schluss machen". Aber dann die Faszination der Ideen des Nationalsozialismus, wo das Individuelle mit dem Massenhaften vereint werden soll, die Persönlichkeit mit der Gesellschaft, das Ego mit dem Über-Ich. Hitler wird der gute Freund, dem er sich fügt.

Gewaltig ist sein Verlangen nach Kraft, Einfachheit, Reinheit - die immer und überall sabotiert wird von den Juden, dem jüdischen Geist der Zersetzung. Immer schwieriger die Rückzüge in die Natur, in die Einsamkeit.

Im Gegensatz zu den resoluten Machern des Reichs, von Hitler bis Göring, von Riefenstahl bis Harlan, wirkt Goebbels immer wieder zaudernd, wankelmütig auch in seinen Meinungen, der Einschätzung der anderen.

Manchmal ist seine Weinerlichkeit schwer zu ertragen. "Ich kann das kaum noch ertragen. Ich habe niemanden, der mir hilft, ich will auch niemanden haben. Man soll auch den Schmerz allein auskosten ..." Aber immer wieder ist er bereit, seine Haltung zu verlieren, Lust und Wollust auszukosten.

Einmal, während in Europa der Krieg wütet, macht er einen Bummel durch Paris. Ein paar Einkäufe, dann ins Casino de Paris. "Viele schöne Frauen und eine entwaffnende Nacktheit."

Wäre in Berlin nicht möglich.

In Venedig kam ein wenig Schadenfreude auf - die Italiener langweilen mit einem Historienschinken. "Ich bin sehr glücklich, dass solche Versager literarischer Filmexperimente bei uns nicht mehr möglich sind. Ich habe mit eiserner Energie dafür gesorgt, dass dieses ganze ästhetisierende Herumexperimentieren aus dem deutschen Film beseitigt wird." Keine Experimente, am Ende scheint das Kino zu siegen. Da taucht bei einem Badevergnügen im See plötzlich - Mickey Mouse auf. DAS GOEBBELS-EXPERIMENT, D 2004 - Buch, Regie: Lutz Hachmeister. Buch, Recherchen: Michael Kloft. Kamera: Hajo Schmerus. Schnitt: Guido Kraweski. Sprecher: Udo Samel, Kenneth Branagh (internationale Fassung). Salzgeber, 107 Minuten.