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Im Kino: Gnomeo und Julia:Kraft der totalen Deformation

Elton John, Lady Gaga und die Gnomenliebe: Shakespeares größte Liebesgeschichte inmitten einer Zipfelmützen-Kompanie, das ist schaurig und komisch zugleich.

Aber hallo, hallo, dies ist das ultimative Elton-John-Movie. Der Meister hat ein paar seiner erfolgreichen Songs zusammengeklaubt ( Rocket Man) und ein paar neue geschrieben (für einen hat auch Lady Gaga zugeliefert), außerdem wird er als Executive Producer geführt. Der Film handelt von pausbäckigen, behäbigen, mittelständischen, spießigen Wesen in idyllischer Umgebung. Von zwei Gartenzwerg-Dynastien in ihren benachbarten Luxusgärten, dem des Mr. Capulet und dem der Mrs. Montague. Und die hochnäsige, britisch biestige Feindseligkeit, die zwischen den beiden Besitzern herrscht, färbt voll auf das Gnomenpersonal und seine Gruppendynamik - die Blauen gegen die Roten - ab.

Themendienst Kino: Gnomeo und Julia

Erstaunlich, wie die existentiell doch eher steifen Zwerge - verstärkt werden sie durch Getier wie Frösche, Kitze oder einen Flamingo - Romantik, Innigkeit, Glückseligkeit, Liebe in ihre rundlichen Gesichter zaubern.

(Foto: dapd)

Shakespeares klassische Lovestory durchgezogen von einer Zipfelmützen-Kompanie, das ist schaurig und schaurig komisch zugleich. Viele der bekannten Szenen und Situationen werden angetippt, statt der Degengefechte gibt es halt brutale Rasenmäherrennen im Ben-Hur-Stil, und der erste Kontakt zwischen den jungen Liebenden findet in einem Ninja-Duell auf dem Gewächshausdach statt, im Kampf um eine weiße Orchidee.

Erstaunlich, wie die existentiell doch eher steifen Zwerge - verstärkt werden sie durch Getier wie Frösche, Kitze oder einen Flamingo - Romantik, Innigkeit, Glückseligkeit, Liebe in ihre rundlichen Gesichter zaubern. Der weiße Backenbart des jungen Lovers wirkt unter den haarscharf gezogenen schwarzen Augenbrauen nachgerade sexy. Ein schöner Verfremdungseffekt, Expressivität nicht impulsiv, sondern ganz beherrscht, als Technik. Man kriegt das vor allem in der Originalfassung mit, in der very british indeed artikuliert wird, ungerührt und leblos, das heißt angenehm ironisch, von Michael Caine, Maggie Smith, James McAvoy, Emily Blunt und anderen.

Es ist ein stressiges Dasein, das ein Gartenzwerg pflegt, verdammt zur permanenten Pose, zum Erstarrungsmoment, zur ewigen Unbeweglichkeit - in der Gegenwart, unter den Augen der Menschen zumindest. Immobilis in mobili. Rührend die Übergänge zwischen Bewegung und Bewegungslosigkeit, erzwungen und überhastet meistens durch das Auftauchen von Menschen, noch bewegender die umgekehrt - da erforscht das Kino seine eigenen Geheimnisse, die Magie der bewegten Bilder und was eigentlich diese in Bewegung versetzt.

Es sind ganz eigene Bewegungsgesetze, die in dieser Gnomenwelt herrschen, eine eigene Dynamik, die sie zu Außenseitern machen in der Geschichte der Animation. Deren Kraft ja aus der totalen Deformation kommt, der Strapazierbarkeit der Körper, die zu den irrsten Verrenkungen und Kapriolen getrieben werden, gedehnt und gestaucht, gestückelt und wiederzusammengekleistert, so wie es die anarchischen wilden Naturburschen Tex Avery und Chuck Jones mit ihren looney tunes um Daffy Duck und Bugs Bunny durchexerzierten.

Den Gnomen fehlt die nötige Knautschzone, ein traurig-tönerner Widerhall erinnert uns an ihre Fragilität bei jedem ihrer Schritte. So agil und mutig sie auch ausschwärmen und klettern mögen, stets sind sie vom Absturz bedroht, in Gefahr als Scherbenhaufen zu enden. Das macht die Tragik dieses Films aus - wie der Kinder, die ihrer kränklichen Konstitution wegen nicht mitmachen dürfen bei den surrealen Exzessen der anderen.

Unbeweglichkeit, Stagnation, Einsamkeit ... In einem kleinen Film im Film erzählt ein Freund der jungen Liebenden - Shakespeares Pater Lorenzo nachempfunden - ihnen sein Geschick. Ein rosafarbener vollschlanker Flamingo, der ausgemustert jahrelang in einem Schuppen allein verbringen musste. Ursprünglich gehörte er zu einem Flamingopaar, das ein verliebtes Menschenpaar sich in den Garten stellte, dann lebte es sich auseinander, trennte sich, verließ das Haus, die Frau nahm einen der Flamingos mit, der Mann steckte den andern, als er auszog, in den Schuppen. Und packte ihn dabei so ungeschickt an, dass das eine Bein steckenblieb.

GNOMEO & JULIET, GB/USA 2011 - Regie: Kelly Asbury. Buch: Andy Riley, Kevin Cecil, Mark Burton, Emily Cook, Kathy Greenberg, Steve Hamilton Shaw, Kelly Asbury. Songs: Elton John. Produktionsdesign: Karen de Jong. Mit den Stimmen von: James McAvoy, Emily Blunt, Ashley Jensen, Michael Caine, Jim Cummings, Maggie Smith, Jason Statham. Deutsche Stimmen: Anke Engelke, Bürger Lars Dietrich. Disney, 84 Minuten.

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