Süddeutsche Zeitung

Kino: Exit Through The Gift Shop:Der Kapuzenmann geht um

Lesezeit: 4 min

Realität oder brillante Verarschung: Die Dokumentation "Exit Through The Gift Shop" des britischen Provokateurs Banksy verwirrt: Wer ist eigentlich Thierry? Und kann ein Plot so gut und trotzdem wahr sein?

Tobias Kniebe

Die dümmste Ansage ist natürlich die, dass die Frage nach Wahrheit und Fiktion hier gar keine Rolle spielt.

Jeder zweite Text über "Exit Through The Gift Shop" zieht spätestens im letzten Drittel diesen großen, irre bequemen Pseudotrumpf aus der Tasche.

Vielleicht, heißt es dann, ist dies ein authentisch verwackelter Videoblick in die geheimen Werkstätten jener Sprayer, Popvandalen und Graffitigurus, die man heute unter dem Label "Street Art" so hübsch verkäuflich zusammenfasst.

Vielleicht aber auch nicht. Dann kann es nur ein irrer, herrlich inszenierter Großversuch zur Verführbarkeit - und ja, auch zur Dämlichkeit - der internationalen Kunstszene sein.

So oder so sehr lustig, heißt es. Ein echter Banksy halt.

Dabei ist diese Frage doch eigentlich hochspannend: Hat hier das Leben selbst einen aberwitzigen Plot geschrieben, der praktisch zu schön ist, um wahr zu sein? Oder ist der Künstler Banksy selbst als Debütant ein Autor und Regisseur von solcher Souveränität, dass er so ein Superding einfach zwischen zwei Rattenzeichnungen mal raushaut?

Man würde es doch zu gerne wissen. Aber einfach ist die Sache in der Tat nicht.

Der Film, der von nächster Woche an in den deutschen Kinos laufen wird, beginnt mit einer Einführung von Banksy. Auch hier, wie schon in seiner ganzen Künstlerkarriere, will er seine Identität auf keinen Fall preisgeben. Er setzt sich also im schwarzen Kapuzenshirt und mit schwarzen Hosen vor die Kamera. Auch das Gesicht ist völlig schwarz, die Stimme elektronisch verzerrt. Dennoch hört man einen harten Bristol-Akzent und einen staubtrockenen britischen Humor heraus. Banksy erklärt in knappen Worten, dass es gleich nur am Rand um ihn selbst gehen wird, der Star dieses Films sei nämlich ein französischer Video-Maniac aus Los Angeles namens Thierry Guetta.

Und Schnitt.

Thierry trägt schräge Hütchen und riesige Koteletten. Er kann nicht richtig Englisch. Er redet höchst prägnanten Unsinn daher. Entweder ist er ein genialer Naiver mit einem sehr großen Herzen - oder aber ein Reality-Komiker, der niemals aus der Rolle fällt und selbst "Borat"-Erfinder Sacha Baron Cohen wie einen Anfänger aussehen lässt. Erster Impuls: Dieser Thierry muss echt sein.

Jedenfalls bekommen wir nun, illustriert mit wackligen, oft grünstichigen, bei Nacht und Nebel gedrehten und sehr echt aussehenden Videobildern, folgende Geschichte serviert: Thierry, der alles filmen muss, was ihm vor die Linse kommt, entdeckt ungefähr im Jahr 1999 die Welt der Street Art.

Er darf die Gründerväter und Götter filmen

Er fängt an, die bekanntesten Sprayer, Schablonierer und Plakatierer, die allesamt immerzu mit einem Bein im Knast stehen, bei ihren nächtlichen Aktionen zu begleiten. Sie machen Kunst. Er filmt. Beim ersten Klang der Polizeisirenen flieht man gemeinsam durch die Nacht. So gewinnt Thierry das Vertrauen der weltweit vernetzten Szene, darf ihre Gründerväter und Götter filmen, die teilweise bis heute nur mit verpixeltem Gesicht oder in Masken auftreten: Space Invader. Monsieur André. Seizer. Neckface. Swoon. Borf. Buffmonster.

Auch Shepard Fairey taucht auf, der damals Los Angeles mit düsteren "Obey!"-Plakaten zugepflastert hat und inzwischen, spätestens seit seinem Obama-"Hope"-Poster, ein globaler Star ist. Schließlich, Krönung und Erfüllung seiner Obsession, steht Thierry sogar dem scheuesten Enigma von allen gegenüber: Banksy.

Banksy ist damals schon ein britischer Mythos, den selbst die Sun-Leser als genialen Provokateur verehren. Er hat eigene Werke in Museen geschmuggelt, Englands Häuserwände mit distinguierten Ratten und anderem lustigem Viehzeug vollgesprüht, Luftballons und Traumstrände an die israelische Sicherheitsmauer der West Bank gemalt, und vieles mehr. Schon werden Spitzenpreise für seine Werke bezahlt.

So was schweißt zusammen

Auch Banksy mag den irren Franzosen. Eine ihrer ersten gemeinsamen Aktionen findet im kalifornischen Disneyland statt, wo Banksy eine Guantanamo-Bay-Gefangenenpuppe neben dem Big Thunder Ride aufstellt. Thierry filmt. Der halbe Park wird geschlossen. Banksy entkommt unerkannt, Thierry wird stundenlang verhört, dann entlassen. So was schweißt zusammen.

Spätestens hier wird die Frage unausweichlich, ob Thierry nicht doch einfach eine Erfindung Banksys ist - verkörpert von einem Laiendarsteller, der diese Rolle auch heute, lange nach dem Film, noch gnadenlos weiterspielt. Oder ist es gar Banksy selbst? Auch diese Verschwörungstheorie gibt es im Internet.

Aber mal angenommen, Banksy hätte eine Figur namens Thierry erschaffen und mit diesem Franzosen besetzt - der Aufwand wäre absurd. Nicht nur hätten viele nachprüfbar echte Figuren wie Shepard Fairey sich restlos überzeugend selbst spielen müssen - auch die Drehzeit wäre endlos gewesen. Die Disneyaktion fand im September 2006 statt, sie wurde damals weltweit gemeldet.

Das ist aber alles noch nichts gegen das, was dann passiert: Banksy erkennt, dass Thierrys Videomaterial dieser und anderer Aktionen einzigartig ist - und nicht nur für ihn, sondern für die ganze Street-Art-Bewegung einen großen Wert darstellt. Bald traut er ihm aber nicht mehr zu, einen kohärenten Film daraus zu machen. Also nimmt er ihm listig die Tapes aus der Hand und schickt ihn mit einem höheren Auftrag nach L.A. zurück - selbst ein Street-Art-Künstler zu werden. Jetzt filmt Thierry nicht mehr. Jetzt wird er von Banksys Team gefilmt.

Wie Thierry diesen Auftrag nun annimmt und schließlich übererfüllt, wie er zum Künstler "Mr. Brainwash" wird, in L.A. eine Art Factory gründet und Hilfskräfte so lange grottenschlechte Pop-Art fabrizieren lässt, bis er ein Madonna-Cover gestalten darf und Kunstwerke für eine Million Dollar verkauft hat - das muss man schon sehen, um es wirklich zu glauben. Es ist aber, die Quellen belegen es, tatsächlich so passiert.

Und wieder die große Frage: Ist hier, erstens, halb L.A. Opfer einer perfiden Inszenierung geworden? Oder werden wir, zweitens, Zeuge einer brillanten, jeden Kunsthype entlarvenden, geradezu satirischen Wendung des Schicksals, die niemand - nicht einmal Banksy selbst - so genial vorhersehen konnte?

Um es ganz klar zu sagen: Dieser Kritiker hat jeden Frame des Films studiert und auch Material von Ereignissen, die erst danach kamen, etwa einer "Mr. Brainwash"-Show im Februar in New York. Er glaubt inzwischen an Möglichkeit zwei, und zwar ausschließlich. Sollte dennoch eines Tages herauskommen, dass Banksy ihn damit wirklich drangekriegt hat - er würde den Hut nur umso tiefer vor ihm ziehen.

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Quelle:
SZ vom 16.10.2010
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