Im Kino: "Ein Geheimnis" Verlangen verboten

Kindheitserinnerungen eines Psychologen: eine unerträgliche Liebe im Holocaust, strahlende Eltern und der Perfektionswahn, alles zu sein, nur nicht jüdisch.

Von Susan Vahabzadeh

Eine seltsame, unheilvolle Präsenz erfüllt die Kindheit von François, ein namenloser Spuk. Der Film beginnt in einem Schwimmbad in den Fünfzigern, drückende Hitze, keine gleißende Helligkeit, sondern immer wieder vom Schwarz verschlucktes Licht.

François hat prächtige, sportliche Eltern.

(Foto: Foto: dpa)

François ist sieben Jahre alt, das ungelenke, empfindliche Kind zweier prächtiger, sportlicher Eltern, ein Traumpaar, ineinander vernarrt und von strahlender Perfektion. Die Mutter Tania (Cécile de France) ist eine große, durchtrainierte Model-Blondine, den Vater Maxime (Patrick Bruel) sehen wir beim Tennismatch, als er, mit Verachtung, zur Kenntnis nimmt, dass der Sommernachmittag frühzeitig beendet werden muss - dem Jungen ist kalt, und Tania bringt ihn nach Hause.

Es sind die Kindheitserinnerungen des Psychologen François (Mathieu Amalric), in die uns die ersten Bilder in Claude Millers Film "Ein Geheimnis" entführen. Der kleine Junge hat sich einen älteren Bruder ausgedacht, den er gleichermaßen liebt und fürchtet, und diese Imagination ist es, die den Vater am meisten auf die Palme bringt.

Millers Film basiert auf dem Roman von Philippe Grimbert, selbst Psychologe, der dafür seine eigene Familiengeschichte verarbeitet hat. Grinberg hieß die Familie Grimbert vor seiner Zeit, eine jüdische Familie in Frankreich, an der der Autor ein wenig, aber nicht allzuviel fiktionalisiert hat. Hier ist ohnehin jede Imagination immer nur die Folge von irgendetwas, was tatsächlich geschehen ist, Phantasien, Neurosen, der Roman selbst.

"Als Einzelkind hatte ich doch lange Zeit einen Bruder", beginnt Grimberts Roman - und tastet sich dann an den Bruchstücken entlang, die die Familienfreundin Louise dem Jungen preisgibt von dem, was ihm seine Eltern nicht sagen wollen: Dieses geliebte Phantom hat es tatsächlich gegeben, der Vater hatte vor dem Krieg eine andere Familie, einen Sohn, Simon, und seine Mutter Hannah, die in Auschwitz ermordet worden sind.

Was Louise dem Jungen enthüllt, ist keine einzelne Lüge, sondern ein Lügengeflecht; das Unaussprechliche daran sind die Schwächen. Maxime hat sich in seine wunderschöne Schwägerin Tania verguckt, und seine Frau Hannah, aus der Ludivine Sagnier tatsächlich eine trotzige, naive, reizlose und egoistische Nervensäge macht, beschließt auf der Flucht, eine fürchterliche Rache zu nehmen an diesem Mann, der sie nicht genug liebt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was die Besonderheit dieser Geschichte ausmacht.