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Im Kino: Du sollst nicht lieben:Gelassene Schönheit

"Ich war tot": Aaron ist Mitglied einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde - und schwul. Gar nicht so einfach.

Rainer Gansera

"Ich war tot und jetzt lebe ich wieder!" Das schönste Liebesbekenntnis. Aaron, der es ausspricht, weiß freilich um den Skandal, den er damit provoziert. Denn er bekennt sich zu einer verbotenen Liebe. Aaron (Zohar Strauss) ist Mitglied einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Ehemann und Vater von vier Kindern. Er hat sich in den 22jährigen Studenten Ezri (Ran Danker) verliebt, ihm verdankt er seine Wiedererweckung zum Leben.

Kino

Eine Skandal: Aaron verliebt  sich in den 22jährigen Studenten Ezri (Ran Danker, im Bild).

(Foto: online.sdekultur)

Seit dem oscarprämierten Drama der schwulen Cowboys von Brokeback Mountain fragt man sich verwundert: gibt es denn Geschichten von großer, allesumkrempelnder Liebesleidenschaft nur noch unter Schwulen? Tatsächlich handeln die Hetero-Lovestorys des Kinos derzeit eher von der Selbstfindung und von der Sozialdienlichkeit der Paarbildung, als dass sie von der Sprengkraft der Leidenschaft erzählen würden. Was das Spielfilmdebüt des jungen israelischen Filmemachers Haim Tabakman so bewegend und bewundernswert macht, ist gar nicht die provokante Story, sondern die stilistische Strenge der mise en scène.

Subversive Leidenschaft

Nüchterne Präzision und gelassene Schönheit. Tabakman verzichtet auf Melodramatik, erkundet die Gefühle subtil bis in die Faserspitzen jedes Blicks und jeder Geste. Vom Händewaschen bis zum ehelichen Beischlaf unter der Bettdecke ist in Aarons Leben jede Handlung nach einer religiösen Rein-Unrein-Logik ritualisiert. Nach dem Tod seines Vaters hat er die koschere Metzgerei übernommen und engagiert Ezri als Hilfskraft. Eines Tages lässt er sich von ihm zum Bad in einer Felsenquelle überreden ...

Das Subversive der Leidenschaft gründet in der Selbstverständlichkeit, mit der sie Körper und Seele im Begehren zusammenschweißt. Konträr zu den Theologien, die das unreine Fleisch von der reinen Seele abspalten wollen. Aaron durchlebt Scham und Selbstzweifel, muss sich gegen Diffamierungen behaupten, offenbart sich schließlich im mutigen Bekenntnis. Die Liebe: das Wunder einer Wiederauferstehung von den Toten.

EINAYM PHUKOT, Israel/F/D 2009 - Regie: Haim Tabakman. Buch: Merav Doster. Kamera: Axel Schneppat. Mit: Zohar Strauss, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Isaac Sharry, Avi Grainik. Edition Salzgeber, 90 Minuten.

© SZ vom 26.05.2010

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