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Im Kino: Dr. Parnassus:Schmuddeliges Stehaufmännchen

Ein paar Tage noch, dann wird es so weit sein - und nur einer kann sie nun noch retten, der junge Tony, also Heath Ledger, ein etwas schmuddeliges Stehaufmännchen in weißem Anzug und mit zotteligem Haar, das die Truppe des Doktor Parnassus vom Seil schneidet, an dem er an einer Brücke über die Themse hängt. Das Vorbild für diesen Tony, so heißt es, sei Blair gewesen, der sonnige Selbstvermarkter, mit seiner Fähigkeit zur Autosuggestion - die aberwitzigsten Sachen vorzubringen und womöglich selber zu glauben.

Tony schlägt den Relaunch des Unternehmens vor, weg von der romantisch-muffigen Zirkusatmosphäre, rein in extravagantes Styling und Art-Déco-Fashion, raus aus den düsteren Winkeln des alten London, rein in die glitzernde Warenwelt des Leadenhall Market, wo die weiße phallische Commedia-dell'Arte-Maske, die er anzüglich vors Gesicht gespannt hat, der letzte Schrei ist.

Und wo die wohlsituierten Frauen willig sich verleiten lassen, durch den Zauberspiegel zu schreiten, wo ewige Jugend, Göttlichkeit und leider auch Mr. Nick warten. Heath Ledger, der Verführer, der Mann mit den tausend Gesichtern, hier spielt er noch einmal die Rolle weiter, die er als Joker genial kreiert hatte. Der Außenseiter, der verlorene Sohn in einer streng hierarchisierten Welt, in der die Väter - von Agamemnon bis zum König Lear - bedenkenlos über die Töchter verfügen, mit ihrem Leben spielen.

Die alte Kinogeschichte, - die Generation der Alten, die sich an der Macht und in ihren Geschäften halten will, und der Krieg, den die Jungen dagegen führen. Den Doktor Parnassus hat Gilliam durchaus als einen Doppelgänger seiner selbst geschaffen, als Showman, der in seinem phantastischen Business keinen rechten Erfolg mehr hat - aber insgeheim steht er auf der Seite der Jungen. Ledger und er waren die besten Kumpels auf dem Set, und Ledger wollte so viel wie möglich lernen vom Handwerk des Filmemachens, von der Ausleuchtung und der Wahl des Kameraobjektivs bis zur Choreographie einer Szene - das Verlangen, selbst ein Filmemacher zu werden, teilt er mit den jungen Wilden im Hollywood der Fünfziger und Sechziger, James Dean und Paul Newman und Marlon Brando.

Was als ein Film über das zirzensische Erzählen begann und über die Rolle des Erzählers, verwandelte sich durch die Arbeit mit dem Star - und nach dessen Tod erst recht - in eine bewegende Meditation zum Tod des Autors. Anders als James Cameron mit "Avatar" zielt Gilliam mit seinen computergenerierten Hinter-dem-Spiegel-Phantasien nicht auf die Erschaffung einer neuen, natürlichen Welt.

Das Design in diesem Imaginarium ist den graphischen Arbeiten von Leuten wie Grant Wood oder José Maria Sert verpflichtet, die Dynamik den verrückten Zeichenfilmen der Dreißiger und Vierziger, von Tex Avery oder Chuck Jones. Tonys Unbekümmertheit, Sensibilität, Zerbrechlichkeit, von Heath Ledger großartig verkörpert, verschwindet nach dem Durchgang durch den Zauberspiegel - wenn die Maskenhaftigkeit der Freunde Depp, Farrell, Law übernimmt. Die jenseitigen Tonys sind dem Ledger-Tony ganz fremd, sind Abziehbilder, Abhorreszierbilder. Wo Naivität war, auch dies eine alte Geschichte des Kinos, kommt nun Narzissmus.

THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS, F/CAN/GB 2009 - Regie: Terry Gilliam. Buch: Terry Gilliam, Charles McKeown. Kamera: Nicola Pecorini. Artdirection: Dan Hermansen, Denis Schnegg. Mit: Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Christopher Plummer, Tom Waits, Lily Cole, Andrew Garfield, Verne Troyer, Charles McKeown. Concorde, 122 Minuten.