Im Kino: Die Bucht Flipper in der Hölle

Wenn das Meer rot wird: "Die Bucht", eine Dokumentation über die Treibjagd auf Delphine vor der Küste Japans, ist so spannend wie ein Kriminalfilm.

Von Doris Kuhn

Für Paranoiker ist "Die Bucht" ein Traum. Hier gibt es nicht nur Helden und Bösewichter, Täter und hilflose Opfer - vor allem gibt es eine Menge Handlanger für dunkle Machenschaften, die versuchen, ihr Tun mit der Miene unbescholtenster Aufrichtigkeit zu vertuschen. Der Zugang zur Wahrheit muss in diesem Film erst Stück für Stück erkämpft werden - das macht ihn so faszinierend.

Mein Partner mit der salzigen Schnauze: Ric O'Barry, ehemaliger Trainer der "Flipper"-Delphine.

(Foto: Foto: AP)

Der Anfang ist dementsprechend obskur: Ein Taxi, gesteuert von einem als Japaner verkleideten Amerikaner, fährt durch das Küstenstädtchen Taiji. Der mit Hütchen und Mundschutz bewehrte Fahrer hält nervös Ausschau nach Verfolgern und beschwört dabei das mitreisende Filmteam, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Schließlich soll hier eine sehr unfreundliche Dokumentation über den lukrativsten Erwerbszweig des Ortes gedreht werden.

Aus Taiji werden maritime Freizeitparks in aller Welt mit frisch gefangenen Delphinen beliefert. Alle Tiere eines Fangs, die für Dressur und Reifenspringen nicht geeignet sind, müssen sterben. Das Fangen und Abschlachten von Delphinen, erfährt man, ist nicht einmal illegal - trotzdem wollen die Jäger um jeden Preis verhindern, dass die Außenwelt sich ein Bild von dieser Grausamkeit machen kann. Behörden wie Polizei decken ihr Treiben, und die Fischer selbst werfen sich mit vollem Körpereinsatz in die Bresche, wenn jemand mit einer Filmkamera in der Nähe ihrer Strände auftaucht. "Privatgrund" ist das Zauberwort, filmen wird dort nicht geduldet.

Im Video: In der Filmdokumentation "Die Bucht" zeigen der Aktivist und ehemalige Delfin-Trainer Ric O'Barry und Regisseur Louie Psihoyos eindringlich das Abschlachten zehntausender Delfine in einem japanischen Fischerdorf.

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Die Dokumentarfilmer um den Regisseur Louie Psihoyos sind also auf Erfindungsreichtum angewiesen - und das, bevor sie überhaupt wissen, ob die Gerüchte stimmen, dass die Delphine bei Taiji dutzendweise in eine ominöse Bucht getrieben werden, in der ihnen dann Schreckliches zustößt. Wie sich dieser Verdacht schließlich vor ihren Augen bestätigt, darum geht es - genauso aber auch um den technischen und detektivischen Aufwand, der es schließlich möglich macht, das kollektive Versteckspiel einer ganzen Stadt zu unterwandern.

"Öko-Thriller" ist das Wort, das dabei gerne fällt, und tatsächlich hat "Die Bucht" eine Form, die dem Krimi erstaunlich nahe kommt. Nachdem das Team bei den offiziellen Recherchen keinen Schritt vorankommt, beginnen die verdeckten Ermittlungen - in einer Größenordnung, die jedem Spionage-Ring zur Ehre gereichen würde: Taucher werden eingeflogen, nächtliche Einbrüche unternommen, ferngesteuerte Kameras versteckt, all das akribisch mitgedreht und kommentiert.

Denkt man zwischendurch, bunter kann es nicht mehr kommen, wartet in "Die Bucht" immer schon die nächste Überraschung. Denn neben der Geschichte der Kleinstadt Taiji erzählt der Film noch eine zweite schlimme Geschichte, anders schlimm zwar und mit einem besseren Ende, aber besonders glücklich ist sie trotzdem nicht: Initiator des ganzen Delphinschutzes ist nämlich ein Mann, dessen Leben mit Delphinen eng zusammenhängt. In seiner Jugend haben sie ihm zu schnellen Autos verholfen, zu Partys, Starrummel, einem schicken Gehaltsscheck. Jetzt, Jahre später, trägt er ihretwegen ein Taxifahrerkostüm, hat Einreiseverbot in etlichen Ländern und die ein oder andere Gefängnisstrafe auch schon abgesessen. Der Mann heißt Ric O'Barry. "Ein jeder kennt ihn, den klugen Delphin"könnte man zu diesem Namen singen, und richtig, es geht um "Flipper". Ric O'Barry war 1964 einer der Wegbereiter der gleichnamigen Fernsehserie, er war der Delphintrainer und in mancher Folge auch Flippers bester Freund.

Alles begann mit Ric O'Barry

Ric O'Barry machte Delphine erst populär. Delphine als Kinderfreunde und schnell auch Delphine als Attraktion für zahlendes Publikum, das alles fing mit "Flipper" an - und mit der in der Serie zur Schau gestellten Klugheit, Freundlichkeit, Sensibilität der Tiere. Dass sich um diese Sensibilität weder das Fernsehen noch die Vergnügungsparks am Ende scherten, wenn es um den Alltag eines Delphins in Gefangenschaft ging, das fiel Ric O'Barry erst auf, als er das erste seiner dressierten Tiere tot in den Armen hielt. An Depressionen sei es gestorben, erzählt O'Barry, und selbst wenn man dahingehend Skeptiker ist, muss man bei den in "Die Bucht" gezeigten Bedingungen, unter denen Showbusiness-Delphine leben, sofort selbst Depressionen bekommen. Also hat O'Barry die Seiten gewechselt. Jetzt ist er der beste Freund aller Delphine weltweit, er hat sich dem Kampf für ihr Überleben ausdauernder verschrieben als alle Tierschutzorganisationen.

Man könnte noch mehr von "Die Bucht" erzählen: Von der gleißenden Schönheit der Delphine, die zwischendurch auch in Freiheit gezeigt werden, beim Spiel, beim Sprung, beim Surfen in den großen Wellen. Vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen, bei dem Mitglieder auf merkwürdige Weise plötzlich die Position Japans unterstützen, und das ist die Position eines Volkes, das sich von Fisch ernährt. Vom Delphinfleisch, das als Delikatesse verkauft wird, aber mit Quecksilber verseucht ist. Von den Gesprächen der japanischen Fischer, die sich an goldene Zeiten erinnern, als das Meer so dichtgedrängt voller Wale war, dass man auf ihren Rücken darüberlaufen konnte. Und vom Blut der Delphine, das das Wasser rot färbt, während sie hilflos genau denselben Männern ausgeliefert sind, die so sentimental über ihre Artgenossen reden konnten.

Jedes schmerzensreiche Tier-Melodram, so viel sei gesagt, ist dagegen ein Sonntagsspaziergang. Aber mit dem reißerischen Ansatz, der Vielfalt an Information und einem Geheimnis, das tatsächlich aufgedeckt wird, gelingt dieser Dokumentation das, was keine Schutzorganisation in solcher Direktheit schafft: Man möchte, wenn man das Kino verlässt, sofort eine Kontonummer wissen, auf die man sein Erspartes überweisen kann. Und zwar alles.

THE COVE, USA 2009 - Regie: Louie Psihoyos. Produzenten: Fisher Stevens, Paula DuPré Pesmen. Drehbuch: Mark Monroe. Mit Ric O'Barry. Verleih: drei-freunde Filmverleih. Länge: 90 Minuten.

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