Im Kino: Deutsche Seelen Vom Summen der Bienen

Täter und Opfer, Utopie und Verbrechen: Ein Dokumentarfilm zeigt die Wunden, die das Leben in der urchristlichen Colonia Dignidad in Chile hinterlassen hat.

Von Martina Knoben

In diesen Tagen, in denen das Nationalgefühl so allgegenwärtig und selbstverständlich scheint wie lange nicht, kommt der Dokumentarfilm "Deutsche Seelen" von Martin Farkas und Matthias Zuber fast ein wenig ungelegen. Er führt an einen Ort, der heute ganz unverdächtig "Villa Baviera" heißt, bayerisches Dorf - und der doch einmal unter dem Namen "Colonia Dignidad" berühmt und berüchtigt war. Hier lässt sich die Erfahrung totalitärer Herrschaft an einer übersichtlichen, isolierten Gemeinschaft wie im Labor studieren. Und weil die Form der Unterdrückung in der Kolonie eine sehr "deutsche" war, von Schwärmerei und Idealismus getrieben, führt der Film weit zurück ins Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Einst eine Straße ohne Wiederkehr: der Weg in die Colonina Dignidad.

(Foto: Zorro Film)

Im Jahr 1961 gründete der Deutsche Paul Schäfer auf einem 40.000 Quadratmeter großen Gelände in den Bergen Chiles die "Colonia Dignidad"; 300 Landsleute folgten ihm in seine vermeintlich urchristlich orientierte Gemeinde. Dass Schäfer unter dem Deckmantel der Religion seine pädophilen Neigungen ausleben, die Kinder seiner Freunde systematisch quälen und missbrauchen und die Kolonie den Folterknechten der Pinochet-Diktatur öffnen würde, war für die Kolonialisten der ersten Stunde kaum absehbar.

Ein Verdienst des Films ist es, das Wissen der Nachgeborenen um die Verbrechen Schäfers den ehemaligen Kolonialisten nicht gleich um die Ohren zu hauen. Die Regisseure nähern sich behutsam fragend und machen sogar die Utopie sichtbar, die hier einmal beschworen wurde - sie tauchen das Gelände immer wieder in ein goldenes Licht, lassen Vögel zwitschern und Bienen summen. Die Menschen, mit denen Zuber und Farkas sprechen, strahlen etwas Kindliches aus, das für sie einnimmt, aber auch kennzeichnend ist für ihre Unreife und Deformiertheit. Rüdiger war 35, als er erfuhr, woher die kleinen Kinder kommen. Er fuhr bei einer Geburt in einem Krankenwagen zufällig mit - als plötzlich ein Kind schrie, wo vorher kein Kind da war.

Sexualität war in der Kolonie ein Tabuthema, selbst die Bibel wurde von Schäfer an den einschlägigen Stellen geschwärzt. Durch einen mehrfach gesicherten Zaun und das totale Verbot jeglicher Medien waren die Kolonialisten vollkommen abgeschottet. Ein Spitzelsystem zerstörte das Vertrauen der Menschen untereinander.

Aki war ein Baby, als er in die Kolonie kam, jetzt fährt er weit weg, bis ans Meer, um über die grässliche Folter zu sprechen, die man ihm als Kind angetan hat. Als er seinen Vater deswegen zur Rede stellt, ist der Eindruck der Zeitreise perfekt: Der alte Mann weicht den Fragen aus, redet sich raus, mit Antworten, wie man sie von Nazi-Mitläufern kennt. Direkt gezogen wird die Verbindung zum Dritten Reich in der Person von Kurt Schnellenkamp, der zu Schäfers engsten Mitarbeitern gehörte und als junger Mann bei der Waffen-SS war. Farkas und Zuber zeigen ihn als weißhaarigen Großvater, der sich vor der Kamera mit einem Gelübde herausredet. Sein Blick aber lässt schaudern.

Die Filmemacher prangern ihre Gesprächspartner nicht an, wohlwissend, dass in einem System wie der "Colonia Dignidad" die Täter auch Opfer waren - und die meisten Opfer auch Täter. Dass manche schuldiger waren als andere, lässt sich jedoch nicht übersehen. Erst die Verhaftung Schäfers 2005 und seine Verurteilung zu 27 Jahren Gefängnis wegen vielfachen Kindesmissbrauchs brachte die Stunde Null für die Kolonialisten. "Deutsche Seelen" zeigt nicht nur die Mechanismen der Unterdrückung, sondern vor allem die Bemühungen der Zurückgebliebenen, mit ihrer Schuld und ihren Verletzungen umzugehen, als Gemeinschaft von Tätern und Opfern weiterzuleben. Rüdiger ist immer wieder vor einem Swimmingpool zu sehen, der früher für Schäfer und seine Gespielen reserviert war. Nun ist kein Wasser darin, die Rutsche führt ins Leere.

DEUTSCHE SEELEN - LEBEN NACH DER COLONIA DIGNIDAD, D 2009 - Regie: Martin Farkas, Matthias Zuber. Buch: Britta Buchholz. Kamera: M. Farkas. Schnitt: Nina Ergang. Zorro, 92 Min.