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Im Kino: "Der Mongole":Ein Sklave - gefürchtet von Millionen

Eigenartig schön: Das neue Schlachtenepos über Dschingis Khan ist nicht nur ein Actionfilm, sondern auch das Drama eines kindlichen Underdogs.

Abgesehen von Iwan, dem Schrecklichen, und Vlad Draculea, dem Pfähler, gibt es wohl wenige historische Herrscherfiguren, denen eine Imagepolitur besser täte als Dschingis Khan. Immerhin gilt der Mongolenführer des 13. Jahrhunderts noch immer als brutaler Kriegstreiber, der seine Feinde unbarmherzig verfolgen und abschlachten ließ. Doch Monster werden nicht als solche geboren. Von diesem wohl immer gültigen Faktum ließ sich der russische Regisseur Sergej Bodrow leiten, um die vielen Historienfilme der jüngeren Vergangenheit ("Gladiator", "Troja", "Alexander" und "300") nun um das russisch-mongolisch-kasachische-deutsche Schlachtenepos "Der Mongole" zu bereichern. Der Film brachte Bodrov in diesem Jahr die zweite Oscar-Nominierung ein, nachdem er bereits 1996 mit "Gefangen im Kaukasus" für den Academy Award vorgeschlagen worden war. "Das Image des blutdürstigen Regenten Dschingis Khan ist ein Klischee", so Bodrow, der sich seit den neunziger Jahren mit dem Mongolenherrscher auseinandersetzt.

Dschingis Khan als er noch Temüdschin hieß: Ein unterdrückter Knabe, aus dem der Herrscher über das größte Imperium aller Zeiten werden sollte.

(Foto: Foto: X-Filme)

Doch wer war dieser Dschingis Khan wirklich? Selbst Historikern fällt es schwer, diese Frage bei einer Figur zu beantworten, deren Geburtsdatum bis heute nicht eindeutig zu ermitteln ist. Bodrow verlässt sich mithin auf eine der wichtigsten Abhandlungen über den Gewalthaber - auf Lew Gumiljows "Die Legende des schwarzen Pfeils".

Nur wenige Helfer

Auch dieses Fundamentalwerk muss bei vielen Fragen passen, doch immerhin zeichnet Gumiljow ein Bild Dschingis Khans, das nicht so recht zu einer Bestie passen will: Der Mann, der unter dem Namen Temüdschin geboren wurde, soll selbst lange versklavt gewesen sein. Für eine Frau zog er der Legende nach in den Krieg - keine Selbstverständlichkeit bei einer von Vielweiberei geprägten Kultur, in der eine Frau leicht durch zwei andere ersetzt werden konnte.

Bodrow und sein Drehbuchautor Arif Alijew nutzten diesen Stoff, um aus dem Film nicht nur einen Actionstreifen, sondern auch das Drama einer Liebe und eines Underdogs zu machen. Sie folgen ihrem Held von der Kindheit im Jahre 1172 bis zu seinem Griff nach der Weltherrschaft im Jahre 1206, als aus Temüdschin (abgeklärt gespielt von dem japanischen Schauspieler Tadanobu Asano) Dschingis Khan wird - gefürchtet von Millionen.

Der Erzählstrang reißt dabei immer wieder ab, doch es entsteht das Porträt eines Reformers und Modernisierers, der schon als Kind in die Flucht getrieben wird, um es am Ende doch zu schaffen, die vielen rivalisierenden Stämme zu vereinen und einige mongolische Traditionen zu erneuern.

Bei seinen Mühen hat Temüdschin nur wenige Helfer: Sein Vater Yesügei (Ba Sen) wird früh ermordet, und seine Mutter Oelun (Alija) kann ihn nicht beschützen. Der Neunjährige überlebt nur knapp eine winterliche Odyssee und sein Erretter Jamukha (gespielt von dem Chinesen Sun Hong Lei) wird zu seinem Blutsbruder.

Schon im Knabenalter hat Temüdschin der schönen Börte (gespielt von der Mongolin Khulan Chuluun) die Heirat versprochen, und trotz aller Irrungen und Wirrungen bleibt er ihr treu, bis er sie wieder in seine Arme nehmen kann. Da sind beide schon im jungen Erwachsenenalter und als Börte von den feindlichen Merkiten verschleppt wird, stellt Temüdschin eine kleine Armee für ihre Befreiung zusammen. Eine Unternehmung, die selbst dem Blutsbruder fremd ist: "Mongolen fangen wegen einer Frau keinen Krieg an", konstatiert der inzwischen zum Clanchef avancierte Jamukha entgeistert.

Kein Platz für zwei Herrscher

Diese Feststellung drückt bereits den Gegensatz aus, auf dem die Grundthese des Films basiert: Der leichtfertige und aufschneiderische Jamukha als Vertreter der althergebrachten mongolischen Traditionen im Kontrast zu dem nüchternen und leicht schwermütigen Temüdschin, der als sensibler Erneuerer schließlich eine Weltherrschaft begründet.

Das Drama, das sich nun abspielt, ist leicht absehbar: Temüdschin und Jamuhkha gelingt in einer blutigen Schlacht zwar die Befreiung Börtes, doch für zwei Herrscher ist kein Platz. Die beiden werden rasch zu Todfeinden und die erste wirklich große Aufgabe für Temüdschin besteht nun in der Unterwerfung Jamukhas.

Als diese gegen Ende des Films gelingt, wird gerade erst das Jahr des roten Drachen (1196) begangen - Temüdschin steht gerade einmal am Amfang seiner immer weitreichenderen Regentschaft als Dschingis Khan. Deren Geschichte will Bodrow in weiteren Filmen erzählen, "Der Mongole" ist der erste Teil einer Trilogie.

Der Film beschäftigt sich somit nur kurz mit der Figur des Weltherrschers Dschingis Khan und porträtiert statt dessen einen Gejagten und Entrechteten, der durch seinen stoischen Willen und mit Hilfe guter Menschen und der Gnade des Gottes Tengri zum Einiger des mongolischen Volkes wird.

Ein Plot also, der dem Film immer wieder auch langsame Passagen aufzwingt. Die ruhigen Momente kontrastieren zwar sehr gut mit den kämpferischen Eruptionen und geben dem Film einen vielschichtigen Tonfall. Doch Besinnung tut einem Actionfilm nur dann gut, wenn auch genügend Raum für Gefühle und Gedanken ist.

Dieser Raum kommt in "Der Mongole" leider zu kurz, wofür zum Teil Hauptdarsteller Asano verantwortlich ist. Denn dieser Dschingis Khan ist zu wenig komplex, um mit ihm mitfühlen zu können. Was bewegt ihn? Denkt er gerade an die nächste Schlacht, an seine Frau oder rezitiert er schamanische Verse? Der Zuschauer kann es nur erahnen.

Hinreißende Landschaften

Die Story schlittert zudem zu sehr durch die Zeit und gibt wenige Anhaltspunkte dafür her, was in den jahrelangen Zeitlücken eigentlich passiert. Während der solitär lebende Nomade Temüdschin immer wieder zu neuen Ufern aufbricht, hat er plötzlich eine große Armee zur Verfügung. Nach einigen blutigen Schlachten, zieht er sich wieder in sein Versteck zurück, nur um schließlich zu entscheiden, dass er die Mongolen vereinen muss, wofür er dann wie aus dem Nichts eine andere Armee sein Eigen nennt.

Allerdings sind diese Armeen groß und marschieren eindrucksvoll in einer hinreißenden Landschaft auf. Wer sich also an den narrativen Löchern nicht stört, bekommt im Zeitalter der Spezialeffekte vor Augen geführt, dass ein konventionell erstelltes Schlachtenepos immer noch eindrucksvolle Bilder liefert. Reiterfahrene Stuntprofis und Komparsen aus Kasachstan, Kirgisistan, der Mongolei und vom Volk der Uiguren geben dem Film viel Authentizität, zumal auch die Szenerie stimmt: Die Drehorte in der Mongolei und in Kasachstan befanden sich oft zwölf bis 15 Autostunden von der nächsten Stadt entfernt, denn in dieser atemberaubenden Gegend wurde das Mongolenreich einst begründet. Das unangetastete Landschaftspanorama harmoniert dabei gut mit der kruden Lebenswirklichkeit der mittelalterlichen Mongolen.

Die Welt des Dschingis Khan - in diesem Film fühlt sie sich immerhin eigenartig schön an.

Der Mongole, Russland/Deutschland/Kasachstan 2007, Regie: Sergej Bodrow. Kamera: Rogier Stoffers, Sergej Trofimow. Musik: Tuomas Kantelinen. Schnitt: Zach Staenberg, Valdis Oskarsdottir. Mit: Tadanobu Asano, Sun Hong Lei, Khulan Chuluun, 120 Minuten.

Außerdem laufen an:

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St. Trinians, von Oliver Parker und Barnaby Thompson

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