Im Kino: Depardieu in "Chanson d'Amour" Wer liebt, der liebt den Kitsch

Doch, doch: Der Himmel hat schon seinen Reiz. Zumindest ist er schön melancholisch: Gérard Depardieu spielt jedenfalls schon göttlich in "Chanson d'Amour".

Von Susan Vahabzadeh

Die Zeit ist stehengeblieben in diesem Raum, über der Tanzfläche flimmert eine silberne Discokugel, um die Säulen sind Lichterketten gewunden, der Mann auf der Bühne trägt einen weißen Anzug mit Einstecktuch und singt "Pour un flirt avec toi je ferais n'importe quoi . . ." Diese Szenerie hätte vor dreißig Jahren genauso ausgesehen; nur die Menschen waren noch andere. So beginnt Xavier Giannolis Film "Chanson d'Amour" , und sie umreißt schon sehr schön, wovon er erzählen will. Vom Gefühl der Menschen in diesem Saal, in einem Casino in der französischen Provinz, die ein Stückchen Zeit festzuhalten versuchen, einen Augenblick, in dem sie hätten verweilen mögen. Mehr noch als auf alle anderen trifft das auf den Mann auf der Bühne zu, Alain Moreau, der nicht nur abends für ein paar Stunden in dieses Vakuum flüchtet, sondern sein ganzes Leben drin verbringt. Diesen tingelnden Schlagersänger spielt Gérard Depardieu, und so zauberhaft und mitreißend wie in dieser Rolle ist er lange nicht gewesen.

Eine missglückte Liebesgeschichte zwischen einem Schlagersänger und einer jungen Frau, das klang so, als wäre es nicht so wichtig - und dann kochte der ganze Saal bei der Premiere.

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Giannolis Film war in Cannes im vorigen Jahr eine echte Überraschung, eine missglückte Liebesgeschichte zwischen einem Schlagersänger und einer jungen Frau, das klang so, als wäre es nicht so wichtig - und dann kochte der ganze Saal bei der Premiere. "Chanson d'Amour" ist eine Art von Kino, die es fast nicht mehr gibt - durch und durch emotional, ganz und gar konzentriert auf seine kleine Geschichte. Die meisten Filme sind inzwischen befrachtet mit Parabelhaftigkeit, manche sind echte politische Schwergewichte, andere werden nur als solche verkauft - aber selbst, wenn man sie, wie die filmische Konkurrenz in dieser Woche, "Flags of Our Fathers" von Clint Eastwood, völlig zurecht als wichtiger bezeichnet: "Chanson d'Amour" kann man so richtig genießen kann, manchmal mit ein Schwermut, aber gerade das ist ja das Schöne daran - Traurigsein ist, im Kino zumindest, ausgesprochen wohltuend. Und eine alte Kinotugend - es möglich machen, ein Stückchen Leben mit jemandem zu teilen, die Fähigkeit des Kinos zu zelebrieren, Zeit zu konservieren und flüchtige Stimmungen. Das macht Giannoli großartig, mit den alten Chansons, dem Soundtrack der Siebziger, den liebevoll ausgearbeiteten Dekors und Depardieu mittendrin. Grandios. Wer liebt, sagt Alain, der liebt den Kitsch.

Es geht darum, dass Altwerden besonders für Schwerenöter schmerzlich ist und man sich daran gewöhnen muss, dass die Dinge im Leben oft nicht so laufen, wie man sich das einst ausgemalt hat. "Pour un flirt" , das Lied das Depardieu eingangs singt, war 1971 der größte Erfolg von Michel Delpech - von ihm stammt auch jenes Chanson, dem der Originaltitel des Films entstammt, "Quand j' étais chanteur", als ich einmal Sänger war. Moreau lernt eine Frau kennen an einem Abend im Casino, Marion (Cécile de France), die bildschön ist und viel jünger als er. Alain macht, was er seit Jahrzehnten macht an solchen Abenden - und auch, wenn eigentlich von Anfang an klar ist, dass Marion sich nicht viel macht aus seinen altbackenen Flirtversuchen, schafft er es, sie abzuschleppen. Und ist am nächsten Morgen bis über beide Ohren verliebt. Er läuft ihr nach, engagiert sie als Immobilienmaklerin, trifft sie immer wieder, aber mehr als Freundewerden ist nicht drin - und nichts kann irgendetwas daran ändern. Die Jahre sind verflogen, ohne dass sich Alain je bewusst geworden wäre, dass er in einem Provisorium lebt. Und nun sieht er sich plötzlich wie von außen: Die Beziehung zu seiner Exfrau und ihrem neuen Mann, mit denen er zusammenarbeitet. Die mühseligen Verhandlungen mit wichtigtuerischen Kommunalpolitikern, die darüber zu entscheiden haben, wer in ihren Kursälen singt und was. Sein heruntergekommenes, mit musikalischem Equipment vollgestopftes Haus. Er ist das, was man eine gescheiterte Existenz nennt, und die Erkenntnis, dass es zu spät ist, daran etwas zu ändern, tut weh.

Wie Giannoli es nun schafft, davon zu erzählen, ohne zu jammern, der Geschichte noch mal einen neuen, leichteren Schwung zu geben, elegant und natürlich, das ist meisterlich. Alain Moreau bekommt noch einmal eine ganz große Chance, die Möglichkeit, mehr zu werden als nur einer, der durch Provinzclubs tingelt - aber er kann nichts damit anfangen: die staubigen Ballsäle, die Lieder von gestern, das ist er, das ist seine Welt. Und bei aller Melancholie ist das am Ende so in Ordnung - so wie mit seiner Ex-Frau, die er liebt, aber eben nicht genug für ein ganzes Leben; und mit Marion, die ihn nicht genug liebt. Die Tatsachen sind etwas kleiner ausgefallen als die Träume waren, die er hatte. "Aimer la vie" heißt eines der Chansons, die er singt in den Ballsälen in der Provinz: "Le ciel ne manquait pas de charme, mais je préfère les plaisirs, les joies, les larmes de notre terre" - der Himmel hat seinen Reiz, aber ich ziehe die Freude und die Tränen unserer Erde vor. Das erinnert an Goethes Prometheus, der seine Erde einfordert und den menschlichen Balanceakt zwischen Freude und Leid. Nicht nur, weil man das eine nicht ohne das andere spüren kann, auch weil die schönsten Emotionen, einen brauchen, der unvollkommen ist und schwach, um zu entstehen - Fürsorge und Empathie und Vergebung. Und Alain Moreau hat sie alle verdient.

QUAND J' ETAIS CHANTEUR, F 2006 - Regie, Buch: Xavier Giannoli. Kamera: Yorick Le Saux. Schnitt: Martine Giordano.Szenenbild: François-Rebazd Labarthe. Originalmusik: Alexandre Desplat. Mit: Gérard Depardieu, Cécile de France, Mathieu Almaric, Christine Citti. Prokino, 108 Minuten.