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Im Kino: Das Schmuckstück:Als der Kapitalismus hässlich wurde

Direktorposten einer Regenschirmfabrik geht an zauberhafte Gattin mittleren Alters: Catherine Deneuve mischt mit Gerard Depardieu die Provinz auf in François Ozons Film "Das Schmuckstück".

Susan Vahabzadeh

Der Balanceakt am Rande des Kitschs hat François Ozon schon immer fasziniert. In diesem Geist hat er seinen bislang größten Erfolg, die Komödie 8 Frauen (2002) gedreht und das Mélo Angel (2007) - das war ein Spiel mit den Genres, er jonglierte lustvoll mit ästhetischen Versatzstücken.

Emanzipationskomödie 'Das Schmuckstück' ab 24. März im Kino

Skandal in der Provinz: Madame Pujol (Catherine Deneuve) hat sich mit dem Kommunisten Babin (Gérard Depardieu) an ihrem Gatten gerächt.

(Foto: Concorde Filmverleih/ddp)

Mit seinem neuen Film Potiche - Das Schmuckstück greift er auf vieles zurück, was 8 Frauen ausmachte: auf das Komödiantische, auf eine ähnliche Ästhetik, ein Jahrzehnt später, in den Siebzigern, und auf die unverhohlene Bewunderung für seine Hauptdarstellerin Catherine Deneuve als treibende Kraft. Aber das Spiel mit dem Kitsch ist ihm in Das Schmuckstück viel ernster als je zuvor; er ist sich vielleicht immer bewusst gewesen, dass die Wichtigkeit, camp zu sein, in der Homosexuellenbewegung der Sechziger und Siebziger ein politisches Element war, und diesmal ist es das auch bei Ozon.

Schon die erste Szene ist ein Glanzstück - Suzanne Pujol beim Frühsport an einem sonnigen Morgen in St. Gudule im Jahr 1977, roter Trainingsanzug vor grünem Laub, ein zartes Tüchlein um die aufgedrehten Haare gewunden, sie beginnt einen wundervollen Tag in ihrem wundervollen Kleinstadtleben, trippelt geziert über einen Waldweg, stößt entzückte Schreie aus angesichts der frohlockenden Fauna, erblickt ein Reh und ein Eichhörnchen und ein paar rammelnde Häschen, und schreibt geschwind ein paar Gedichtzeilen in ihr kleines Notizbuch.

Das ist keine zauberhafte Gattin mittleren Alters - es ist ein völlig überzogenes Zerrbild, das alle Vorurteile willig bestätigt, noch einen draufsetzt und - darum ging es seinerzeit ja irgendwie auch beim schwuchteligen Sixties-Geheimagenten The Man from C.A.M.P. - stolz darauf ist: Und wenn eine Frau ein solch wandelndes Klischee wäre wie die Gedichte liebende adrette Suzanne Pujol, was würde das schon heißen? Es heißt eben nichts.

Es geht in Das Schmuckstück um eine Frau, die kein Schmuckstück mehr sein will, von der sich herausstellt, dass sie so ungefähr alles besser im Griff hat als ihr herrischer Ehemann, sogar seine Geliebte, und die schließlich in die Politik zieht, um die Welt zu verändern.

Ein wundervoller Armleuchter

Madame Pujol hat die Kinder zum Essen eingeladen an diesem sonnigen Tag, den Sohn Laurent (Jérémie Renier), der in Paris studiert, und die unglücklich verheiratete Tochter Joëlle (Judith Godréche), die gerne mehr aus ihrem Leben gemacht hätte, die Moniseur Pujol aber nicht in seiner Firma einstellen will. Und Monsieur Pujol? Der ist ein wundervoller Armleuchter. Fabrice Luchhini scheint sich zu spezialisieren auf ältere Herren, denen noch nie der Gedanke gekommen ist, die Welt sei nicht geschaffen worden, ihnen Untertan zu sein.

Er leitet mit harter Hand die Regenschirmfabrik - die Regenschirme von Cherbourg, Jacques Demys wundervoller Film mit Deneuve lassen grüßen -, die dem Vater seiner Frau gehört hat. Die Arbeiter meutern, der örtliche Kommunist Babin (Gérard Depardieu) heizt die Stimmung an und Monsier Pujol hat einen Herzinfarkt. Weil, während er wehrlos darniederliegt, Suzanne die Einzige ist, die tut, was er sagt, muss sie die Leitung der Firma übernehmen. Dann macht sie sich auf, von Babin begleitet, die Arbeiter zu beruhigen - und macht sich erst einmal hübsch, weil das die Herren in der Fabrik doch verdient haben.

Komisch ist das erstens, weil Deneuve und Lucchini es komisch spielen; und zweitens hat Ozon, der hier wie bei 8 Frauen ein Boulevardstück adaptiert, es komisch geschrieben. Irgendwie muss man sofort losprusten, wenn Monsier Pujol seiner Gattin aufträgt, die Liaison seines Kronprinzen mit der Bäckerstochter zu sabotieren, die wohl nicht die Tochter des Bäckers ist. Man ahnt sofort, dass keine Inzestgefahr besteht - ein Blick auf Suzannes Gesicht, und es ist klar: Laurent ist, wie soll man sagen, kein echter Pujol. Am ähnlichsten sieht er Babin. Madame und der Kommunist - Skandal in der Provinz. Das war aber, motzt Pujol, noch vor der Geschichte mit der Bäckerin. "Ich habe mich eben", kontert Suzanne trocken, "vorher gerächt."

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie François Ozon politisiert.

Hau ab, du Trottel

Catherine Deneuve und François Ozon sind füreinander ein echter Glücksfall - es überträgt sich beim Zuschauen eine Chemie, ein ungeheurer Enthusiasmus, sie inspiriert ihn sichtlich, und kein anderer Regisseur bietet ihr mehr Entfaltungsmöglichkeiten - sie ist komisch, sie ist charmant, sie ist, wenn die Situation es verlangt, knallhart und manchmal sogar ein ganz klein wenig durchtrieben als Suzanne Pujol, und sie ist wunderschön, weil Ozon sie schön findet - dass das Alter Schwachstellen in ihrer Schönheit erzeugt haben könnte, darauf käme man vielleicht, wenn es eine einzige Einstellung gäbe, in der Ozon irgendetwas kaschiert, oder eine Szene, die sie in Frage stellt. Einmal taucht sie in dem Kleid auf, in dem sie Babin verführt hat (wir haben das in einer Rückblende gesehen) - und der ist hingerissen, immer noch, also sind wir es auch.

Wie dann Suzanne alles besser macht, und sich dessen bewusst ist, und dann doch abgesägt wird, das ist allerdings bitter. Aber als ihr Mann es geschafft hat, sie mit einer Intrige wieder vom Direktorenposten zu vertreiben, den sie nicht wieder rausrücken wollte, beschließt sie, dann eben nicht mehr ihre eigene kleine Welt, sondern gleich das ganze System zu verändern und zieht in die Politik. Ja, Ozon politisiert in Das Schmuckstück.

Alle sind glücklicher

Der Film ist eine Geschichte vom steinigen Weg, auf dem der Feminismus seit dreißig Jahren nicht sehr viel weitergekommen ist, und auch von einer Parallelentwicklung, von der zauberhaften Wirtschaftswunderwelt zu einem eiskalten Kapitalismus, der Fortschritt immer nur quantitativ, nie qualitativ definiert.

Alle sind glücklicher, während Suzanne Pujol die Firma leitet: Die Angestellten arbeiten lieber und zu besseren Bedingungen, sogar die Schirme, die dabei herauskommen, sind schöner. Die Tochter, Handlangerin ihres eigenen nichtsnutzigen Ehemannes, bringt ein Papier für die Modernisierung vorbei: "Die Produktion auslagern und Leute entlassen, ist modern?", fragt Suzanne.

Es geht dabei aber nicht nur um eine verlorene Welt von gestern, einen Scheideweg, an dem der Kapitalismus hässlich wurde. Es geht um die Gegenwart - im Original erkennt man dann noch ein paar Dialogzeilen, die sich Ozon in der politischen Wirklichkeit geliehen hat. "Casse-toi pauv' con" (Hau ab, du Trottel), so bellte Sarkozy 2008 einen älteren Herrn an, der ihm bei einem Bad in der Menge nicht die Hand schütteln wollte; und die erstaunte Frage "Aber wer soll sich denn dann um die Kinder kümmern?" stammt vom sozialistischen Ex-Premier Laurent Fabius, apropos der Kandidatur seiner Parteikollegin Ségolène Royal.

Dass Royal, hätte sie Nicolas Sarkozy besiegt bei den Präsidentschaftswahlen 2007, keine Wunderwaffe gewesen wäre, die ein neues Frankreich modelliert - das wird François Ozon wohl selber wissen. Aber man wird doch ein wenig träumen dürfen.

POTICHE, Frankreich 2010 - Regie: François Ozon. Drehbuch: Ozon, basierend auf dem Stück von Barillet & Grédy. Kamera: Yorick Le Saux. Kostüme: Pascakline Chavanne. Mit: Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Lucchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Jérémie Renier, Sergi Lopez. Concorde, 104 Minuten.

© SZ vom 24.03.2011/tolu/rus

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