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Im Kino: "Das Mädchen mit dem Perlenohrring":Ein Gemälde wird gezeugt

Regisseur Webber vs Maler Vermeer: Unbedingter Kunstwille ist angesagt, jede Einstellung des Films gleicht einem kostbaren Gemälde.

Ein Mädchen schneidet Gemüse. Groß zeigt die Kamera die Arbeit, als gehöre sie zur Vorbereitung eines Stilllebens, das ein alter Meister malen will. Der Raum bleibt weitgehend dunkel, wenn die junge Griet die geschnittenen Scheiben auf einer Platte zu einem farbigen Arrangement ordnet.

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Scarlett Johansson als das Mädchen mit dem Perlenohrring und Colin Firth als Vermeer.

(Foto: Foto: ddp)

Unbedingter Kunstwille

Der Vorgang ist mehrdeutig. In seiner stillen Konzentration schafft er einen Hauch von Magie, deutet die Sehnsucht des Mädchens nach Schönheit an - und verkündet gleichzeitig auch das Programm des Kino-Debütanten Peter Webber. Unbedingter Kunstwille ist angesagt, jede Einstellung des Films gleicht einem kostbaren Gemälde.

Mit den Filmen über berühmte alte Meister und ihre Bilder ist das so eine Sache: Häufig verlieren sie sich im bloß Malerischen. Es mag paradox klingen, aber vielleicht war das 1936, als Alexander Korda (mit Charles Laughton, nach einem Drehbuch von Carl Zuckmayer) seinen Film über Rembrandt drehte, noch einfacher; dem Schwarzweißfilm blieb nur die Konzentration auf Licht und Schatten und damit unweigerlich eine sichtbare Eigenständigkeit.

Der Farbfilm hingegen verlockt zur letztlich aussichtslosen Mimikry. Oft machen dann nur noch die erzählten Stories, aber eben nicht die Bilder den Reiz der Filme über Maler aus.

"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" sucht den Mittelweg: Webbers Film über Jan Vermeer imitiert nicht einfach den Meister aus Delft, sondern versucht, dessen Welt erfahrbar zu machen. Auch wenn es dabei nur um die fiktive Entstehungsgeschichte eines einzigen berühmten Gemäldes geht, finden sich in den Szenerien zahlreiche, manchmal fast beiläufige Anspielungen auf andere Werke wie "Die Guitarrespielerin" oder "Die Spitzenklöpplerin", aber auch Hinweise auf den Kosmos der niederländischen Malerei zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Rembrandts Chiaroscuro ist in den Innenräumen präsenter als die leuchtende Farbe Vermeers.

Die Fensterputzerin

Es ist eine Welt der Enge und der Stille, auch visuell. Griet, als Dienstmagd angestellt im Haus Vermeers, fragt vorsichtig, ängstlich fast, ob sie die Fenster putzen dürfe, denn die Reinigung könnte das Licht im Atelier verändern. Ohnehin darf, wenn der Meister malt, niemand zugegen sein; sein Arbeitsplatz wird - ganz anders als die Malerwerkstätten des Mittelalters - zum sakralen Raum. Spannend wird die Geschichte, wenn Vermeer beginnt, seine Magd in die Geheimnisse des Raums, also seiner Arbeit, einzuweihen und sie daran teilhaben zu lassen.

Der Alltag, aus dem sich der Maler zurückzieht, wird bestimmt von der eitlen und übellaunigen Ehefrau, von der mitunter ziemlich bösartigen, zudem schnell wachsenden Kinderschar und vom Regiment der grimmig kalten und notfalls skrupellos geschäftstüchtigen Schwiegermutter: keine schlechte Erklärung für die Spannung zwischen Alltagsmotiven und ihrer irritierenden, fast entrückten Sinnlichkeit im Werk Vermeers.

Ein wenig arbeitet der Meister wie ein Filmregisseur; er holt sich die Anregungen aus der Realität, aber er verändert sie. "Erst finde ich, dann fange ich zu suchen an", hat Picasso einmal über seine Arbeit gesagt. Der Moment des horror vacui, in dem Vermeer ratlos vor einer leeren Leinwand steht, endet mit seinem Blick auf die Magd vorm Fenster: Er ahnt das künftige Bild und beginnt, Griet zu inszenieren.

Spätestens hier beginnt eine Liebesgeschichte, deren nie ausgesprochene, aber zunehmend präsente Leidenschaft tief genug unter der Oberfläche bleibt, um den Film vor einer weiteren Variation der Klischees vom Maler und seinem Modell zu bewahren.

Eher instinktiv erkennt und fördert Vermeer die künstlerische Sensibilität des Mädchens, das wahrscheinlich weder lesen noch schreiben kann. Jede kleine Geste, mit der er Griet in seine Arbeit einbezieht, ist eine Liebeserklärung; jede scheinbar zufällige Berührung gerät zum Ausdruck der erotischen Spannung zwischen den beiden. Der Maler weist Griet in die Herstellung von Farben ein und duldet sogar ihre Eingriffe in seine Arrangements.

"Warum hast du den Stuhl entfernt?", fragt er sie. Die Frau, antwortet sie, habe auf dem Entwurf ausgesehen "wie in die Falle gegangen"! Tatsächlich haben Röntgenbilder gezeigt, dass Vermeer auf dem berühmten Bild einen Stuhl übermalt hat.

Eine Wohltat

Mögen Webbers Szenen noch so malerisch sein, so bleiben seine bis ins kleinste Detail kontrolliert und bewusst eingesetzte Farbgebung und der Einsatz von Filtern eine Wohltat angesichts der Unzahl heutiger Buntfilme. Manchmal wünscht man dem Film freilich weniger Kontrolle und Disziplin. Doch Webbers Leidenschaft besteht vor allem in der Geduld, mit der er erzählt und sich auf Griets Gesicht (hinreißend: Scarlett Johansson) und ihre Passion konzentriert. Nur selten forciert der Regisseur seine Inszenierung - und riskiert sofort die Gefahr metaphorischer Überdeutlichkeit.

Wenn Vermeer dem Mädchen seine camera obscura erklärt, verschwinden die Gesichter unter der Abdunklung des Geräts - beide stecken für eine Weile unter einer Decke. Für die Ohrringe sticht der Meister seiner Magd eigenhändig die Löcher; nach der symbolischen Defloration weint Griet und lässt die reale alsbald von ihrem jungen Verehrer, dem Metzgerburschen Pieter, vollziehen.

All diese Erfahrungen - zu denen auch der Ärger mit Vermeers Ehefrau zählt - scheinen nun in dem Blick der jungen Frau auf dem vollendeten Gemälde erkennbar zu sein. Ob Peter Webber damit dem Geheimnis von Jan Vermeers Gemälde auf die Spur gekommen ist oder nicht, spielt keine Rolle: Man wird es nach seinem Film mit anderen Augen sehen.

GIRL WITH A PEARL EARRING, Großbritannien/Luxemburg 2004 - Regie: Peter Webber. Buch: Olivia Hetreed, nach dem Roman von Tracy Chevalier. Kamera: Eduardo Serra. Schnitt: Kate Evans. Musik: Alexandre Desplat. Mit: Scarlett Johansson, Colin Firth, Tom Wilkinson, Cillian Murphy. Concorde, 100 Minuten.