Im Kino: Das Leben ist zu lang Siebeneinhalb

Regisseur Alfi hat Probleme: in der Branche, mit dem Sex und dann ist da noch das Gipsbein. Dani Levy erzählt das alles mit unheimlich wenig Ironie - und unfasslich viel Larmoyanz.

Von Fritz Göttler

Höhenangst, Schwindelgefühle, Absturzvisionen werden in diesem Film unaufhörlich beschworen, aber irgendwie will er sie dann nicht so recht ernst nehmen. Alfi Seliger ist das Objekt dieser Turbulenzen, ein nicht mehr ganz junger deutscher Regisseur, der sich auf der Höhe der Zeit und seiner Kunst wähnt, und dies nun noch mal demonstrieren will, weltweit. Sein letzter großer Erfolgsfilm allerdings liegt fünfzehn Jahre zurück.

Höhenangst, Schwindelgefühle, Absturzvisionen: Regisseur Alfi Seliger (Markus Hering) steckt in der Krise.

(Foto: ddp)

Nun will Alfi den Mohammed-Karikaturen-Streit verfilmen, furchtlos, als Komödie, mit Starpower. Zu seinen Problemen in der Branche gesellen sich Schwierigkeiten mit den Kindern und der Frau, Handikaps in Sachen Sexleben und Gesundheit. Und ein Gipsbein. Das alles ist mit unheimlich wenig Ironie und unfasslich viel Larmoyanz erzählt, und die Atmosphäre der Lächerlichkeit, die darüber liegt, hat selten die nötige Basis von Trauer, die sie verstörend machen würde. Bewegend, bewegend komisch ist allenfalls ein Moment in Alfis Bank, die eben insolvent wurde - auch Bankangestellte, Kurt Krömer als Alfis Anlageberater, werden von der Bankenkrise zum heulenden Elend gemacht.

Dani Levy hat mit düsteren Beziehungsdramen - "Meschugge", "Väter" - angefangen und sich mit "Alles auf Zucker" dann dem Komischen, der Klamotte zugewandt, fünf Jahre liegt dieser Erfolgsfilm zurück. Welch aufregende Beziehungen und Interferenzen es zwischen den beiden Genres gibt, das hat ihn bislang nicht interessiert. Er ist ein Mann der Selbstverständlichkeiten. "Ich wundere mich", hat er in einem Interview erklärt, "dass man gestandenen Filmemachern wie mir nicht fast blind vertraut ... Wir sind alle irgendwie ersetzbar und müssen unseren Platz immer neu erkämpfen." Wie aufregend das sein kann, ein expendable zu sein, das bekommen wir eben im Actionkino aufs Schönste gezeigt. Dani Levy ist als Filmemacher eine Mimose, einer, der doch nur will, dass man ihn liebt. Wer Probleme hat, das intellektuelle Gezappel Woody Allens einen Film lang durchzustehen, wird auch mit Markus Hering, der den Alfi als Woody-Verschnitt gibt, nicht recht froh werden. Bei der großen Alternative des Kinos, Suspense oder Überraschung - Hitchcock hat an sie erinnert, anlässlich seines "Vertigo" (den die Gestaltung von Levys Plakat beschwört) -, wählt Levy nicht den Suspense, lässt aber auch die Überraschungen fehlen.

Sein Eskapismus führt uns dann, auf den Spuren von Fellinis "Achteinhalb", auf ein aberwitziges Festival in San Remoe. Was die Einblicke angeht, die es hier ins Film- und Fernsehgeschäft gibt, wirkt der Film ziemlich retro - von der mono- und erotomanen Produzentenfigur, die Hans Hollmann gibt, inspiriert von Gestalten wie Artur Brauner oder Franz Antel, bis zur slawischen Seele Veronica Ferres, die sich ins Scheinwerferlicht drängt. Von einer wirklichen Selbstreflexion des deutschen Kinos, wie sie die vielen Promi-Cameo-Auftritte suggerieren, kann nicht die Rede sein. Authentisch sind allenfalls Joseph Vilsmaier und Michael Herbig auf einer Party - die stehen wirklich da wie bestellt und nicht abgeholt.

DAS LEBEN IST ZU LANG, D 2010 - Regie, Buch: Dani Levy. Kamera: Carl- Friedrich Koschnick. Mit: Markus Hering, Meret Becker, Veronica Ferres, Yvonne Catterfeld, Gottfried John, Heino Ferch, Elke Sommer, Udo Kier, Kurt Krömer. X-Verleih, 86 Minuten.