Im Kino: "Das Fremde in mir" Verzweifelte Rabenmutter

Susanne Wolff, eine bekannte Theaterschauspielerin, die im Kino noch wenig aufgefallen war, vermag Rebeccas sprachloses Unglück präzise auszuleuchten, dafür wurde sie unter anderem beim Münchner Filmfest als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Es sind ihre Blicke, die ins Leere gehen oder mürrisch den schreienden Säugling mustern, ihre abwehrenden, nervösen Gesten, das mechanische Rütteln, mit dem sie das Baby in den Schlaf wiegen will, die mehr als alle Erklärungen den Abgrund ahnen lassen, vor dem Rebecca steht. Dass sie ihr Kind nur lästig findet, kann sie niemandem sagen, auch Julian nicht, der beruflich zudem so überlastet ist, dass er die Hinweise auf Rebeccas Verzweiflung übersieht.

Die Krankheitsgeschichte wird sorgfältig nachempfunden. Vermutlich hat die franko-iranische Regisseurin, die mit ihrem ersten langen Spielfilm "Molly's Way" bereits zahlreiche Preise gewonnen hat, ausführlich recherchiert. Dass Emily Atef ihre junge Mutter Rebecca genannt hat - ein ungewöhnlicher Name vor allem neben dem modischen Julian -, lässt jedoch auch an Hitchcocks "Rebecca" denken, die Verzweiflung der "zweiten Mrs. de Winter".

Thriller- und Meloelemente sorgen in der ersten Hälfte des Films für Spannung. Erzählt wird nicht chronologisch, der Film beginnt am Tiefpunkt von Rebeccas Verzweiflung, mit ihrer Flucht in den Wald. Etwas Schreckliches ist geschehen, suggerieren diese Bilder und beschwören mit dem Wald auch die Stiefmütter und Rabeneltern des Märchens herauf.

Aufklärerisch

Wenn die Erzählung dort ankommt, ist die Illusion der seligen Mutterschaft zerschlagen. Die besondere Qualität des Films aber ist, dass er an ihrer Stelle etwas anderes aufbaut, eine Vorstellung von Familie, die ehrlicher ist und mehr aushält.

Es ist eine im Kino ganz ungewohnte menschliche, aufklärerische Haltung, die daraus spricht. Aufmunternd realistisch schildert Emily Atef Rebeccas Weg aus der Krise, mit der Hilfe von Profis, die der Film aufmerksam skizziert: Da sind eine Krankenschwester, die sich Zeit nimmt; ein Psychologe, der das Richtige sagt; oder eine Hebamme, die der Mutter hilft, ihr Baby zu halten, es zu wickeln, zu massieren.

Dem berechtigten Fremdheitsgefühl zwischen Eltern und Kindern stellt schließlich Maren Kroymann mit einem so kurzen wie eindrucksvollen Auftritt als Rebeccas Mutter Lore eine geglückte Familienbeziehung entgegen. Ihre Liebe und Hilfe in allen Lebenslagen sind der Grund, warum Elternschaft sich lohnt.

Das Fremde in mir, D 2008 - Regie: Emily Atef. Buch: E. Atef, Esther Bernstorff. Kamera: Henner Besuch. Schnitt: Beatrice Babin. Musik: Manfred Eicher. Mit: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Hans Diehl, Judith Engel. Ventura, 99 Minuten.