Im Kino: "Chloe" Erotik einer Busfahrt

Catherine setzt ein Callgirl auf ihren Gatten an und findet dabei ihr eigenes Begehren wieder: Im Film Chloe mit Julianne Moore und Amanda Seyfried ist Erotik die Zentralmacht der Welt.

Von Rainer Gansera

Ein Mann, der die große Party zu seinem fünfzigsten Geburtstag verpasst, die seine Frau - surprise, surprise - so prachtvoll illuminiert und überlegen inszeniert hat, das mag schon bedenklich stimmen, mag Anlass geben zum Nachsinnen und -forschen. Hat David, Uniprofessor für Musik (Fachgebiet Oper, durchaus beeindruckend, wie er seinen Studentinnen den Don Giovanni zu erläutern vermag), wirklich das Flugzeug von New York nach Toronto verpasst? Und was soll seine Frau Catherine von der Botschaft der hübschen Studentin auf seinem iPod halten, die sich "für den schönen Abend in New York" bedankt?

Die Flamme des Begehrens ist entzündet: Amanda Seyfried und Julianne Moore in "Chloe".

(Foto: Foto: Verleih)

Ein Midlifecrisis-Märchenspiel, elegant, cool, ironisch - mit Chloe findet Atom Egoyan, kanadischer Filmemacher armenischer Herkunft, wieder zum Grundakkord seines Erzählens, den er in vielen seiner Filme, am reinsten in Exotica angeschlagen hat: der Eros als aufrührerische und verstörende Macht. Die Story folgt dem Erotikthriller-Muster und bringt ein Trio aus Ehefrau, Ehemann und Luxus-Callgirl raffiniert ins Spiel. Die Vorlage lieferte ein französisches Melo von 2004, Nathalie von Anne Fontaine, mit Fanny Ardant, Gérard Depardieu, Emmanuelle Béart.

Dass der Mann so gar nichts von Midlife-Krisenstimmung hat, ist der kritische Punkt für die Frau. Catherines (Julianne Moore) Trauer verwandelt sich in eifersüchtigen Zorn. Sie will David (Liam Neeson) eine Falle stellen, engagiert das junge, bildschöne Callgirl Chloe (Amanda Seyfried) als Lockvogel für den definitiven Treuetest. Chloe soll sich als Sprachstudentin ausgeben, David umgarnen, die Intrige funktioniert, eine Geschichte von Untreue, Eifersucht und Rache scheint sich anzubahnen, wie man es aus dem französischen Film kennt. Aber dann verschiebt Egoyan - womöglich ist das der Wechsel von weiblicher zu männlicher Regie - energisch die Akzente, der Mann und seine möglichen Seitensprünge werden zum Vorwand einer Frauengeschichte, die von Catherines Angst vor dem Älterwerden und der Renaissance sinnlicher Attraktion erzählt.

Die Wärme, die wunderbare Luft

Der Augenblick, in dem das lang erkaltete Begehren wieder aufflammt, in dem sich die Welt zu einem Mysterium aus Sinnlichkeit und Gefühlsverstrickung verwandelt - subtil fächert Egoyan das auf, mit magnetischen Bildern und einer Julianne Moore, deren außerordentliche Schönheit und souveräne Expression jede Szene beherrschen.

In einem Café lässt sich Catherine von Chloes Treffen mit David erzählen, und Egoyan macht daraus eine kleine Lektion - über die Möglichkeiten des Kinos, das Imaginäre zu erforschen und die Produktivkraft der Imagination. Chloe: "Wir gingen in das Gewächshaus des botanischen Gartens, das ich so liebe, mit seinen exotischen Blumen. Dort ist es immer so warm, und die Luft fühlt sich so wunderbar an, es ist, als ob man sich plötzlich in einer ganz anderen Welt befindet. Ich kenne dort ein geheimes Versteck, einen Geräteschuppen, seine Lippen berührten meine, ich fühlte seine Erregung ..."

Eine eigene Treibhauswelt

An dieser Stelle unterbricht Catherine. Ihr Verdacht ist bestätigt. Eifersucht und Zorn steigen in ihr auf, aber auch eine erotische Neugier. Sie will es nicht hören, was dann passiert ist - und fragt doch weiter nach. Die Imagination geht ihre eigenen Wege. Sex und Eros finden im Kopf statt, erschaffen dort ihr eigene Treibhauswelt.

Catherine will die erotische Provokation von Chloes Berichten spüren, sie will sich daran erinnern, wie es war, das Objekt des Begehrens ihres Mannes zu sein. Eine Frau, die üblicherweise alles unter Kontrolle hat, manövriert sich in den Kontrollverlust. Im Spiegel der Frauentoilette eines Edelrestaurants hat sie Chloe zum ersten Mal entdeckt - sie wird in Catherines Leben projiziert, um dort mit ihren Erzählungen die Flamme des Begehrens zu entzünden.

Zu Beginn sieht man Catherine in ihrer Gynäkologie-Praxis, wo sie einer um ihr Sexualleben besorgten Patientin nüchtern erklärt, dass der Orgasmus einfach eine Muskelkontraktion sei, dass er nichts Beängstigendes oder Magisches an sich habe. Mit erschreckender Nüchternheit und Routine hat sie ihr Leben gestaltet, ihr Haus ist ein Albtraum an Sterilität. Fremdkörper unerwünscht - sie reagiert unverhältnismäßig wütend, dass der 17-jährige Sohn seine Freundin bei sich übernachten lässt.

Dass Nüchternheit, Sterilität und Kontrollwahn nur Masken sind, unter denen immer noch der Eros lauert, dass jede Verdrängung nur umso vulkanischere Ausbrüche provoziert - diese Idee ist natürlich so alt wie das menschliche Erzählen selbst. Vom Kino mal ganz zu schweigen. Es steckt aber immer noch, und immer wieder, neue Wahrheit darin.

Sinnlich und schwülstig

Erotisch sind in Chloe nicht nur die Küsse und Bettszenen (die sind eher zu dekorativ), erotisch ist der Blick auf die Welt insgesamt: die schwebende Busfahrt durch die Straßen Torontos, der Einfall der Sonnenstrahlen ins Café, die Schnittfolge der Bilder, die sich der Großaufnahme annähert wie ein Kuss. Blütengleich wellt sich Chloes Haar und umschmeichelt ihr kindlich-engelhaftes Gesicht, und Julianne Moores Sommersprossen erscheinen wie ein sexy Tattoo.

Eros ist für Egoyan - wie für Plato, Goethe, Picasso - kein Ingredienz, sondern die Zentralmacht, die die Welt überhaupt erst zum Leben erweckt: kosmisch, körperlich, und in der erzählerischen Imagination. Eine Macht, die alles kostbar erscheinen lässt und die Menschen zu Grenzüberschreitungen treibt, in denen Sinnlichkeit und Schwülstiges sich verbindet mit exakter soziologischer Analyse. Egoyan ist weder Romantiker noch Moralist, keiner inszeniert die intensivste Leidenschaft so erschreckend kühl wie er. Chloe - die Frau, der Film - ist so natürlich und künstlich zugleich wie ein Gewächshaus im botanischen Garten.

CHLOE, USA/CAN/F 2009 - Regie: Atom Egoyan. Buch: Erin Cressida Wilson. Kamera: Paul Sarossy. Musik: Mychael Danna. Mit: Julianne Moore, Liam Neeson, Amanda Seyfried, Max Thieriot, Kinowelt, 96 Minuten.

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