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Im Kino: Carey Mulligan:Die denkende Jungschauspielerin

Rasanter hätte diese Karriere nicht verlaufen können: Im zweiten Teil von "Wall Street" spielt Carey Mulligan die Tochter von Michael Douglas, und für den Oscar war die 25-Jährige auch schon nominiert. Eine Begegnung.

Im Augenblick muss Carey Mulligan das Schöne, das Wahre und das Gute verkörpern. Das ist natürlich der mieseste Job überhaupt.

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Respektlos, leicht nervös, mit einem Anflug von Kehligkeit, der über ihr zartes Lebensalter hinausweist: So klingt das sensationelle Lachen der 25-jährigen Britin Carey Mulligan.

(Foto: Getty Images)

Man sieht das in "Wall Street: Geld schläft nicht", Oliver Stones langerwarteter Fortsetzung seines Klassikers aus den achtziger Jahren, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Anders als damals ist heute der Ruf der Finanzbranche nicht nur teilweise, sondern völlig ruiniert. Stone sah sich also genötigt, dieser egomanen Männerwelt eine Art feminines Gegengift zu verabreichen.

Das Kontrastprogramm ist jung, hübsch, absolut unbestechlich, politisch für die Machtlosen und Missachteten aktiv und mit riesigen, rehbraunen Bambiaugen ausgestattet. Einer muss den ergrauten, aus dem Gefängnis entlassenen, aber immer noch gefährlichen Oberfinanzhai Gordon Gekko schließlich zur Räson bringen. Es ist, siehe da, seine lange verlorene Tochter - gespielt von Carey Mulligan.

"Klar ist das eine Rolle, die schwer in die Hose gehen kann", sagt die 25-jährige Engländerin und lacht. Ein tolles Lachen: schnell, respektlos, leicht nervös, mit einem Anflug von Kehligkeit, der über ihr zartes Lebensalter hinausweist. "Im dümmsten Fall stehe ich jetzt für die blöde Gefühlsstory, die alle Zuschauer hassen - weil sie hoffen, dass es bald mit dem Finanzthriller weitergeht. Das würde aber nur ein Gefühl bestätigen, das ich ziemlich oft habe: dass ich mich hier völlig unbefugt eingeschlichen habe."

Sensationelles Lachen

Als Einstiegssatz für ein Gespräch, das am Morgen nach dem Premierentrubel von Cannes auf der Terrasse eines Strandbungalows stattfindet, ist das ziemlich smart. Denn schon ist klar, dass wir es hier mit einer denkenden Jungschauspielerin zu tun haben, die selbst ein Oliver-Stone-Drehbuch mit glasklarem, ziemlich kühlem Verstand analysiert. Außerdem klingt auch ein wenig Koketterie mit an, denn das Urteil der Kritik steht zu diesem Zeitpunkt schon fest: Wenn diese Fortsetzung nicht wirklich an das Original heranreicht, liegt das an allen möglichen Dingen - an Carey Mulligan liegt es jedenfalls nicht.

Der nervöse Unterton kann aber auch daran liegen, dass sich ihr Aufstieg gerade schwindelerregend rasant vollzieht. Vor einem Jahr, als die Dreharbeiten zu "Wall Street" losgingen, war sie nach eigener Erinnerung noch ganz großäugiger Frischling: Die erste Hollywood-Hauptrolle, so viel zu lernen und zu beachten, so viel Respekt vor den Meistern, von Oliver Stone bis Michael Douglas.

Außerdem, aber das musste damals mental verdrängt werden, gab es diese Oscar-Nominierung: beste weibliche Hauptrolle des Jahres 2009, für den Film "An Education". Sie konnte nicht wirklich daran denken, sie konnte sich nicht mal richtig freuen. Denn schon rief das Megaphon zur nächsten Szene mit Michael Douglas, in der sie voll konzentriert und brillant sein wollte. Mit perfektem amerikanischen Akzent.

Dann begann der Zirkus der Preisverleihungen im Ernst, und "An Education", ein kleiner Film von Lone Scherfig, nach einem Drehbuch von Nick Hornby, war plötzlich in aller Munde. Erst kamen die Golden Globes, die sie nicht gewann. Dann die britischen Baftas, wobei sie als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Und schließlich die Oscars, als sie mit blondem Pixie-Schnitt und im glitzerndem schwarzen Prada-Kleid ganz umwerfend aussah, aber dann doch gegen Sandra Bullock (in einer uramerikanischen Mutterrolle) den Kürzeren zog. Ungefähr zur selben Zeit war "An Education" auch hierzulande im Kino zu sehen, und es zeigte sich, dass all die Preise und Nominierungen völlig in Ordnung gingen. Insbesondere Mulligans Lachen hat ein paar sensationelle Auftritte.

Allen Versagensängsten zum Trotz

Einmal zum Beispiel steht ihre Figur, die sechzehnjährige, Schuluniform tragende und auch sonst zunächst wenig aufmüpfige Leseratte Jenny im strömenden Regen an einer Bushaltestelle. Zusammen mit ihrem Cello. Wir schreiben das Jahr 1961, irgendwo im betulichen Vorstadtgürtel rund um London. Ein schicker Bristol hält vor ihr, und ein schicker, vielleicht zehn Jahre älterer Mann kurbelt das Fenster herunter und bietet ihrem Cello an, im Auto mitzufahren - ihr selbst könne er ein so zwielichtiges Angebot natürlich nicht machen. Da lacht Carey Mulligan wieder dieses Lachen, es bricht geradezu aus ihr heraus, weil das Ganze so absurd und irgendwie auch peinlich ist, aber zugleich ein Versprechen von Intelligenz und Witz, von Abenteuer und Leben enthält, dem eine junge smarte Frau eigentlich nicht widerstehen kann. Eine Weile läuft sie so grinsend neben dem Auto her, es regnet immer noch, dann sagt sie: "Könnte ich bitte mit meinem Cello fahren?" Und schon nimmt das Abenteuer seinen Lauf.

"Dieser Moment, als Lone Scherfig und Nick Hornby dieses Mädchen in mir gesehen haben - das war der Moment, als alles wirklich losging", sagt Carey Mulligan. "Aber man wird verrückt, wenn man an diese ganzen Fügungen des Schicksals denkt." Sie hätte es zum Beispiel nie als Schauspielerin versucht, wenn sie im ersten Anlauf einen Studienplatz bekommen hätte - am Ende fehlte etwa eine halbe Note. Dann bat sie ihre Direktorin an der Rudolf-Steiner-Schule, einen Kontakt zu dem Schauspieler und Drehbuchautor Julian Fellowes herzustellen. Der empfahl sie einer Casting-Agentin, die sie in der Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil" unterbrachte, ihrer ersten Rolle mit 19 Jahren, und so fort.

"Ich habe beschlossen, in Bezug auf meine Karriere nicht an höhere Mächte zu glauben", sagt Mulligan. "Ich glaube lieber an Glück."

Selbst nach einer kurzen Begegnung mit Carey Mulligan glaubt man dann aber noch an etwas anderes, all ihrer Offenheit in Sachen Versagensängsten zum Trotz: dass sich am Ende doch die Besten und vor allem die Smartesten durchsetzen. Sie hat diese Fähigkeit, in einem Augenblick leidenschaftlich in ihre Rolle einzutauchen - etwa wenn sie in einer stummen Szene einfach nur die Augen aufschlägt, um einen Mann zum Kauf eines Geschenks zu überreden, und es wohl niemand auf der Welt gibt, der diesen Wunsch dann abschlagen könnte. Ein Fingerschnippen später aber steht sie wieder ganz außerhalb, beobachtet sich selbst mit Ironie, ja fast Sarkasmus, und den ganzen Cannes- und Glitzer- und Oscar-Zirkus, den sie bereits erlebt hat, gleich mit.

Wir haben im Lauf der Jahre nur wenige Schauspieler erlebt, die diese Fähigkeit hatten. Es waren die Besten ihres Fachs.

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