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Im Kino: Buried - Lebend begraben:Paul allein zu Haus

Irak. Paul wurde in eine Kiste gesperrt. Ihm bleibt eine Stunde. Ein Handy hat er, aber keinen, der ihm zuhört. Rodrigo Cortés' "Buried - Lebend begraben" zelebriert das Lächerliche mehr als das Alptraumhafte.

Fritz Göttler

Dies ist ein starkes kleines Horrorstück, schaurig komisch, eine tiefschwarze, trostlose Komödie, sie spielt dort, wo seit einigen Jahren Amerikas grausigste und absurdeste Alpträume ihren Ursprung haben, im Irak. Der Anfang ist hochklassischer Horror, als Paul Conroy eines Tages aus unruhigen Träumen erwacht, findet er sich in vollkommener Dunkelheit, in einer Holzkiste lebendig unter die Erde gebracht. Was ist mit mir geschehen?, denkt er. Es ist kein Traum.

Buried- Lebend begraben

Ryan Reynolds spielt Paul Conroy, den man in "Buried - Lebend begraben" in eine Kiste gesperrt hat. Eine Stunde hat er, um per Handy Geld zu beschaffen und sein Leben zu retten. Doch das gestaltet sich recht schwierig.

Man könnte es kafkaesk nennen, Kafka fortgesponnen in die Zeit der modernen globalen Kommunikationsgeflechte. Kann es einen Ausweg geben für Paul Conroy aus Hastings, Michigan, der als Lastwagenfahrer arbeitet im Irak? Man hat seinen Konvoi überfallen, seine Kollegen umgebracht, ihn allein eingegraben in seiner Kiste. Er soll Geld beschaffen, fünf Millionen Dollar, innerhalb einer Stunde - sehr viel länger reicht sein Sauerstoff nicht. Ein Mobilphon hat er zur Verfügung, ein Feuerzeug und einen Stift, um sich Namen oder Nummern zu notieren. Also macht Paul sich auf die virtuelle Reise, er wählt 911, den Notruf. Und verzettelt sich bei seelenlosen Anrufbeantwortern, begriffsstutzigen Vorzimmerdamen, taktisch-smarten Bürokraten, die ihn hinhalten und sich keine Blöße geben wollen. Auch seine eigene Firma tut ihr bestes, um ihn abzuservieren.

Der Zusammenprall von Außergewöhnlichem und Alltag

Den Zusammenprall des Außergewöhnlichen, des Notfalls, mit dem Alltag, dem ganz Gewöhnlichen und Ordinären erforscht Regisseur Rodrigo Cortés in seinem ersten Spielfilm. Und zelebriert das Lächerliche mehr als das Alptraumhafte, so wie er es offenbar von Hitchcock gelernt hat. Das Unglaubliche wird peinlich obszön im Kontext des Normalen. Man erinnere sich, ist nicht die schrecklichste Szene in "North by Northwest" jene im Hotelfahrstuhl, wo Cary Grant mit seiner Mutter steckt und mit den zwei Killern, die hinter ihm her sind - und die Mutter will ihm das nicht glauben: Sie wollen also tatsächlich meinen Sohn umbringen, fragt sie plötzlich - und der ganze Aufzug bricht in Gelächter aus, die Killer inklusive.

Ryan Reynolds setzt im amerikanischen Film heute ein wenig die Cary-Grant-Tradition fort, hier muss er die elegante Fassade der sophistication, die man aus seinen Komödien kennt, ablegen und den kleinbürgerlichen Kern bloßlegen. Ein unbefriedigendes Gespräch muss er mit seiner Mutter absolvieren. Der Film ist eine böse kleine Variation auf das von der aktuellen Krise geschüttelte Amerika. Der Sarg ist auch Sinnbild, er macht die Misere des heutigen Arbeitnehmers vollkommen. Der Film setzt ein mit dem Schock der Klaustrophobie, aber das Kino braucht, um einen Menschen im Raum zu zeigen, auch auf engstem Raum eine gewisse Distanz. Je länger wir Paul zuschauen bei seinem Aktivismus, desto heimischer werden wir mit ihm.

BURIED, USA 2010 - Regie, Schnitt: Rodrigo Cortés. Buch: Chris Sparling. Kamera: Eduard Grau. Musik: Víctor Reyes. Mit: Ryan Reynolds (und Robert Paterson, Stephen Tobolowsky, Samantha Mathis). Ascot Elite, 93 Minuten.

© SZ vom 06.11.2010/Lena

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