Im Kino: "Barfuß auf Nacktschnecken" Mitreißende Märchenwesen

Sommerliche Selbstfindung: Im Film "Barfuß auf Nacktschnecken" spielen Ludivine Sagnier und Diane Kruger zwei ungleiche Schwestern. Was als Drama beginnt, nimmt eine unvorhergesehene Wendung.

Von Anke Sterneborg

Unvermittelt kommt das rote Cabriolet vom Weg ab und rollt ins Feld hinein - offensichtlich hat die Fahrerin einen Herzinfarkt erlitten. Nun könnte ein Film beginnen, der vom Verlust der Mutter handelt, von Tod und Trauer. Stattdessen entwickelt sich eine ganz andere Geschichte, in der es um zwei ungleiche Schwestern geht, um das Glück und den Sinn des Lebens - und darum, wie sich eine lästige Verpflichtung zur glücklichen Fügung wandeln kann.

Ludivine Sagnier und Diane Kruger als ungleiche Schwestern: Es geht um das Glück und den Sinn des Lebens in Barfuß auf Nacktschnecken, und darum, wie sich eine lästige Verpflichtung zur glücklichen Fügung wandeln kann. 

(Foto: dpa)

Clara ist eine verantwortungsbewusste und erfolgreiche Anwältin, die mit ihrem Mann in einer Pariser Kanzlei arbeitet. Ihre Schwester Lily ist ein kleines Mädchen im Körper einer jungen Frau, das eine unbeschwerte Endloskindheit auf dem Lande genießt. Unbelastet von Regeln und Pflichten, von Scham und Ekel hüpft sie durch die Welt, so wie es ihr gefällt, eine französische Pippi Langstrumpf. Sie hat sich eine Fantasiereich ersponnen, in dem sie den Bäumen Kleider anzieht, Zäune aus abgerissenen Puppenbeinen baut, einen Oktopus als Perücke trägt, der Dorfjugend ihren Körper zur Verfügung stellt und tote Tiere in der Gefriertruhe zwischenlagert, bevor sie aus ihrem Fell Pantoffeln und andere bizarre Kunstobjekte näht.

Lily gehört zu jener Sorte unangepasster Spinner, die in der Wirklichkeit ausgesprochen enervierend sein mögen, im Kino aber einen besonderen Zauber entfalten. Ludivine Sagnier gelingt da ein schwindelerregender Balanceakt zwischen Nervensäge und Zauberfee. Es macht Spaß, dabei zuzusehen, wie Lilys lichte Farben und freie Formen ins wohlgeordnete Leben von Clara schwappen und ihre strenge Fassade zu zersetzen beginnen.

Nervensäge und Zauberfee

Sie erlebt eine schleichende Läuterung und entdeckt hinter dem falschen das richtige Leben, hinter Pragmatismus und Effizienz das Wunder der Freiheit. Dabei verliert auch Diane Kruger, die diese Clara spielt, ihre unnahbar makellose Hollywood-Erscheinung, wird zunehmend dünnhäutiger, gelöster und wahrhaftiger. Man spürt eine vibrierende Sinnlichkeit, was möglicherweise auch mit der Vertrautheit zwischen der Schauspielerin und der Regisseurin Fabienne Berthaud zu tun hat, die nach ihrem ersten Spielfilm "Frankie" hier zum zweiten Mal zusammenarbeiten und befreundet sind. Genauso luftig und zart wie Krugers Spiel sind auch die Bilder, die die Regisseurin für die Verfilmung ihres eigenen Romans hinter der Kamera findet, immer in Auflösung begriffen, wie die Existenz von Clara. Der südfranzösische Schauplatz trägt sehr zur sommerlichen Stimmung bei, ebenso wie das Szenenbild der Künstlerin Valerie Deli, die ähnlich naturnah arbeitet und denkt wie Lily.

Missionarische Penetranz vermeidet Berthaud auch durch gelegentliche Blicke in den Abgrund - wenn Clara zum Beispiel in einem Moment hilfloser Wut den Kopf der Schwester in der Badewanne untertaucht, bis sie sich nicht mehr bewegt. Oder wenn Lily, die keine Berührungsängste kennt und keine Sensoren hat für das, was gefährlich sein könnte, in ihrer arglosen Offenheit grob fahrlässig handelt. Leicht könnten die drei fahrenden Altkleidersammler, die sie eines Tages anschleppt, den beiden einsam lebenden Frauen gefährlich werden. Wenn sich die Männer auf dem Hof umschauen und einnisten, liegt plötzlich eine starke Bedrohung in der Luft - doch die Vorahnung eines Verbrechens verpufft dann in einer ausgelassenen Hippiegesellschaft am Lagerfeuer.

In Wirklichkeit wäre Lily wohl ein Fall für die Psychiatrie. Im Kino aber darf sie - ähnlich wie Mike Leighs Poppy in "Happy Go Lucky" - ein Märchenwesen sein, dessen Lebenslust und Eigensinn auf fast therapeutische Weise ansteckend wirkt.

PIEDS NUS SUR LES LIMACES, F 2010 - Regie: Fabienne Berthaud. Buch: Fabienne Berthaud nach ihrem eigenen Roman, Pascal Arnold. Kamera: Berthaud, Nathalie Durand. Mit: Diane Kruger, Ludivine Sagnier, Denis Menochet, Brigitte Catillon, Jacques Spiesser. Verleih: Alamode, 103 Minuten.

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