Im Kino: Baarìa Träume und Triebe

Überschwang und Lebenslust und Fülle, die dennoch nicht das Glück garantieren können: Baarìa mit Monica Bellucci erträumt das sizilianische Leben zwischen Kommunismus und Faschismus.

Von Fritz Göttler

Wie Geschichte in Bewegung kommt, ins Kreiseln, davon handelt Giuseppe Tornatores neuer Film "Baarìa". Er war der Eröffnungsfilm des Filmfestivals in Venedig im vorigen Jahr und wurde von der Festivalkritik - schon deshalb, weil eine Berlusconi-Firma an der Produktion beteiligt war - mit Naserümpfen aufgenommen.

Monica Bellucci, zwischen Männerblicken und KP-Sicheln.

(Foto: Foto: Filmverleih)

Aber "Baarìa" - so nennen die Einheimischen die Stadt Bagheria in der Provinz Palermo, Tornatores Heimatstadt - ist nicht das versprochene schwungvoll-süffige Nationalepos, der Film ist unerwartet sperrig, widersinnig, hakenschlagend.

Ein Junge, Peppino, der zum Mann wird, zum Verliebten und zum Familienvater (und zum braven Abgeordneten der KP), ein Land, das vom Faschismus in den Krieg und dann in den Nachkriegsaufschwung rutscht, mit dem Kommunismus immer kokettierend, ohne ihn wirklich akzeptieren zu wollen. Ein Überschwang und eine Lebenslust und eine Fülle, die dennoch nicht das Glück garantieren können.

Einer der schönsten Momente ist, da ist Peppino schon übers Midlife hinaus, sehr sehr bürgerlich und ein wenig müde: Da versammelt sich die Familie heiter um den Abendbrottisch, und dann macht der Vater eine Ansage und erklärt, es würde nun noch mal Nachwuchs geben in der Familie ...

Am großen Epos und seiner grandiosen, theatralischen Geste haben viele italienische Filmemacher sich versucht, Visconti und Bertolucci und sogar Pasolini.

Der Kinematograph hat der Geschichtsschreibung eine neue Perspektive gegeben, er kann die Träume und Triebe sichtbar machen, die Ahnungen und Antizipationen auch, aus denen das menschliche Leben besteht. Tornatore macht das unmissverständlich deutlich, sein junger Held lernt, was das Leben ist von einem Platz hinter der Tafel, dorthin hat ihn zur Strafe der Lehrer geschickt.

Der Blick dieses Films geht frontal in die Straßen hinein, wo wie im Panoptikum die Figuren etappenweise placiert sind und darauf warten, in Aktion gesetzt zu werden. "Jedes Leben ist eine Enzyklopädie", schreibt Calvino, "eine Bibliothek, ein Inventar von Objekten, eine Musterkollektion von Stilen, worin alles jederzeit auf jede mögliche Weise neu gemischt und neu geordnet werden kann."

Was der Kniff eines Kreisels ist, mit dem die Buben des Städtchens spielen, erklärt der Schmied dem kleinen Peppino, man muss eine Fliege in seinen Hohlraum sperren und das Loch dann verlöten, die sorgt dann für den richtigen Spin. Die Fliege der großen Geschichte, vielleicht ist es das, wonach dieser Film sucht.

BAARÌA - LA PORTA DEL VENTO, I 2009 - Regie, Buch: Giuseppe Tornatore. Musik: Ennio Morricone. Kamera: Enrico Lucidi. Mit: Francesco Scianna, Margareth Madè, Nicole Grimaudo, Angela Molina, Lina Sastri, Salvo Ficarra, Valentino Picone, Monica Bellucci, Michele Placido. Tobis, 150 Minuten.

Monica Bellucci

Die Sirene