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Im Kino: "Am Ende kommen Touristen":Alltag Auschwitz

Robert Thalheims "Am Ende kommen Touristen" ist ein Film über die Verbrechen von Auschwitz. Der Regisseur vermeidet Betroffenheitsposen und gewinnt gerade dadurch eine bezwingende Wahrhaftigkeit.

Rainer Gansera

"Für das öffentliche Bewußtsein bezeichnet der Name 'Auschwitz', was alle bemüht sind zu verdrängen", notierte einst Georg Picht. Vergangenheit vergeht nicht. Die Frage ist, wie man sich ihr stellt. Die politisch-moralische Pflicht zur sogenannten Vergangenheitsbewältigung hat hierzulande ein weit gefächertes, von reichlich Fördergeldern gespeistes Genre des Nazizeit-Kostümfilms hervorgebracht.

Begegnungen: Sven (Alexander Fehling) leistet seinen Zivildienst in einer internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz ab. Dort begegnet er dem ehemaligen Häftling Stanislaw (Ryszard Ronchewski).

(Foto: Foto: dpa)

Ähnlich wie der kuriose Terminus Vergangenheitsbewältigung, der so tut, als ließe sich die Vergangenheit doch irgendwie in der Abstellkammer der Geschichte entsorgen, kommen viele dieser Filme in ihrem spektakulären Gestus eher wie Verdrängungen daher. Ganz anders "Am Ende kommen Touristen", der leise, unaufgeregt, fast dokumentarisch nüchtern einen jungen deutschen Zivildienstleistenden nach Auschwitz begleitet, alle Betroffenheitsposen vermeidet und gerade darin eine bezwingende Wahrhaftigkeit gewinnt.

Regisseur Robert Thalheim, der schon in seinem preisgekrönten Arbeitslosen-Drama "Netto", 2005, zeigte, wie ein nüchterner Blick die entscheidenden Fragen hervortreibt, war selbst als Zivi in Auschwitz. Seine Erfahrung "Wie schwierig es ist für einen jungen Deutschen an diesem Ort das Richtige zu", schenkt er seinem Helden Sven (Alexander Fehling) in einem Parcours der Irritationen, des Befremdens, der Suche nach einer Haltung.

Zuerst verblüfft die Neutralität dieser Sven-Figur. Man erwartet programmatische Selbstbekenntnisse oder eine dramatische Vorgeschichte. Eher zufällig landet Zivi Sven in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Er bringt eine wache Sensibilität für den Ort mit, an dem, wie er sagt, "das größte Verbrechen der Menschheit passiert ist", zeigt sich aber weitgehend hilflos gegenüber all dem, was da konkret auf ihn zukommt. Er staunt, fragt, verstolpert sich, und weil Alexander Fehling, fern aller Prätentionen, die präzisesten Gesten findet, werden wir Schritt für Schritt in den Prozess des Fragens mit hinein gezogen.

Zuerst die Irritation über das Touristentreiben. Wird hier der Schreckens-Ort einer frivolen Neugier preisgegeben? Dann die Begegnung mit dem alten Stanislaw Krzeminski (knorrig: Ryszard Ronczewski), einem ehemaligen Häftling des Vernichtungslagers, der Koffer restauriert und als "Zeitzeuge" wie ein Museumsstück vorgezeigt wird. Sven ist ihm als Betreuer zugeteilt, aber zwischen beiden wird sich keine versöhnliche Freundschaftgeschichte abspielen. Der Alte bleibt misstrauisch, mürrisch und abweisend, auch wenn Sven sich später rührend und ein wenig übereifrig für ihn einsetzen wird: als bei einer Gedächtnis-Feier die Vertreterin einer deutschen Chemiefabrik am Ort ihm schroff das Wort abschneidet.

Dann die Andeutung einer Liebesgeschichte mit der polnischen Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka). Sven erhält Einblicke ins kleinstädtische Leben des Ortes Oswiecim und will wissen, wie ein "normales" Leben hier möglich sei. Eine Frage, die Ania gar nicht versteht. Sven muss aushalten, dass die polnischen Jugendlichen ihn als "Fritz" bespötteln, dass Krzeminski zwar Schubert-Musik liebt, aber keine vertrauliche Nähe zulässt. Auch die Liebesgeschichte bleibt in der Schwebe aus Annäherung und Distanz, Irritation und Verstehenwollen, die der Film keineswegs als Zaghaftigkeit, sondern als Grundakkord wahrhaftigen, aufrüttelnden Fragens konsequent durchhält.

AM ENDE KOMMEN TOURISTEN, D 2007 - Regie, Regie: Robert Thalheim. Kamera: Yoliswa Gärtig. Mit: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka, Piotr Rogucki, Rainer Sellien, Lena Stolze, Lutz Blochberger, Willy Rachow. X Verleih, 85 Minuten.

© SZ vom 16.8.2007
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