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Im Interview: Tilda Swinton:"Man muss sich in die Flasche hineinstürzen"

Tilda Swinton spricht über das Herabsteigen aus den Wolken der britischen Upperclass und über Mundgeruch nach einer schrecklichen Nacht.

Schwarzer Pullover, schwarzer Rock, hohe schwarze Stiefel, darüber ein flammendroter Haarschopf, jungenhaft kurz geschoren und in alle Richtungen leuchtend. Tilda Swinton bringt eine atemlose Neugier und Begeisterung ins Gespräch mit. Früher das ätherische Kunstkinowesen bei Derek Jarman und Sally Potter, dann die Herrscherin im Phantasiereich Narnia, zuletzt oscargekrönt für ihre böse Rolle in "Michael Clayton" - die Karriere der 47-Jährigen nimmt derzeit einige hochinteressante Wendungen.

Voll Furcht und zerstörerischer Kraft: Tilda Swinton als Julia im gleichnamigen Kinofilm.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Mrs. Swinton, in Ihrem neuen Film gehen Sie bis an die Grenzen dessen, was eine Charakterstudie im Kino zeigen kann. Wie haben Sie dieses seltene und faszinierende Wesen gefunden, das Sie in "Julia" verkörpern?

Tilda Swinton: Der Ausgangspunkt war natürlich, dass sie Alkoholikerin ist. Verschiedene Arten der Sucht verbinde ich mit verschiedenen emotionalen Zuständen, und zum Alkoholismus gehört für mich sehr stark die Machtlosigkeit. Aber diese Machtlosigkeit erlebt ein Alkoholiker nicht passiv, sondern aktiv. Man rutscht in den Alkoholismus nicht so rein, wie man vielleicht in manche Drogensucht reinrutscht. Man muss sich da schon mit aller Macht hineinwerfen, sich in die Flasche hineinstürzen sozusagen. Das geschieht mit Nachdruck, und es hat etwas ungeheuer Gewaltsames.

SZ: Was für Menschen sind das, die sich diese Art von Gewalt antun?

Swinton: Es sind die phantasievollsten Menschen, die es gibt! Voll von Energie und Geist. Tatsächlich glaube ich, dass Julia sich in einer Art Kampf mit der Realität befindet, weil diese sie permanent enttäuscht, weil die Wirklichkeit mit ihrer Einbildungskraft einfach nicht mithalten kann. Deshalb trübt sie ihre Wahrnehmung. Der Regisseur Erick Zonca und ich hatten uns vorgenommen, die erschütternde Lebendigkeit dieser Figur so groß wie nur irgend möglich zu zeichnen. Das Kino hat sich in letzter Zeit selbst sehr gedämpft, ist irgendwie matt und leisetreterisch geworden im Vergleich mit dem Leben. Dabei wäre so viel mehr, wie soll ich sagen. . . Saft in der Orange! Es gibt solche expansiven Menschen wie Julia da draußen, diese expressiven Gesten und Gesichter. Also haben wir beschlossen, diese Extreme auch zu zeigen.

SZ: Sie reden über die Sucht wie jemand, der das Gefühl von innen kennt. Sind Sie selbst süchtig?

Swinton: Ich fühle mich diesem Impuls vollkommen verbunden. Ich weiß nur noch nicht, was meine Sucht eigentlich ist. Wahrscheinlich etwas sehr Selbstzerstörerisches, das ich noch nicht einmal benennen kann. Meine Definition von Sucht ist, dass sie das Leben unkontrollierbar macht. Und mein Leben ist kaum kontrollierbar! Andererseits: Der Begriff der Arbeitssucht sagt mir zum Beispiel nichts. Selbst wenn ich mit meiner Familie auf dem Land bin und spazieren gehe - im Kopf arbeite ich eigentlich immer. Die Arbeit macht mein Leben aber nicht unkontrollierbar, sie ist einfach mein Leben. Doch diese Enttäuschung des Süchtigen, dass das Leben ihm eigentlich mehr schuldet, ist mir ganz nah. Sie bewegt mich und inspiriert mich! Auch Künstler verlangen doch immer mehr vom Leben, als sie kriegen können.

SZ: Schon bei Karen Crowder, Ihrer oscargekrönten Schurken-Anwältin in "Michael Clayton", hatte man das Gefühl, dass Sie einer Figur komplett unter die Haut schlüpfen. Im Kino meinte man, den Angstschweiß dieser Frau riechen zu können . . .

Swinton: Wie großartig, dass Sie das sagen! Genau das wollte ich erreichen, dass man diese Überforderung riecht, die sie von innen zerfrisst. Auch bei Julia übrigens: Wie sie morgens aus dem Mund riecht, nach einer schrecklichen Nacht - so was muss man spüren! Da wollte ich hin. Beide Frauen sind Amerikanerinnen, ich habe sie direkt nacheinander gedreht, sie sind ganz unterschiedlich, aber auch ähnlich. Beide Süchtige, beide auf dem Trip, sich selbst und andere zu zerstören. Und beide Mörderinnen! Aber ich analysiere diese Dinge viel weniger intellektuell als früher, ich folge mehr den Instinkten, der Natur. Mein Schaffen ist in eine Art zoologische Phase eingetreten. Julia ist ein faszinierendes Tier.

SZ: Sie bewegen sich auch immer weiter von Ihrer Herkunft weg, dem schottischen Adel, dem Internat mit Klassenkameradin Diana Spencer, der Schauspielerei als Sport der britischen Upperclass . . .

Swinton: Das ist einerseits wahr, andererseits auch wieder nicht. Ja, ich bemühe mich seit langem, aus den Wolken herabzusteigen. Aber meine Wurzel war immer nur ein einziger, einzigartiger Filmemacher: Derek Jarman. Neun Jahre und sieben Filme habe ich mit ihm gearbeitet, dann starb er, und die einzige Möglichkeit, die danach blieb, war, mich vollkommen neu zu erfinden. Transformationen sind unausweichlich, das begreife ich heute, und die Art, wie Menschen sich verwandeln und diese Verwandlungen überleben - das ist es, was mich im Augenblick fasziniert und inspiriert.

SZ: Es wäre eine tolle Szene, sich eine Figur wie Julia beim Dinner mit Ihrer Familie vorzustellen!

Swinton: Allerdings! Julia ist eine wahnsinnig gute Schauspielerin, eine perfekte Lügnerin, sie lügt den ganzen Tag. Und sie ist vierzig Jahre damit durchgekommen. Mein Vater wäre ihr sofort verfallen, und meine Mutter würde wahrscheinlich mit ihr trinken. Aber Julia wäre auch bald sehr gelangweilt. Sie muss immer weiter.

SZ: Genau wie Sie selbst. Welche Kraft treibt Sie vor allem an?

Swinton: Die Neugier! Aber sie umhüllt mich auch, sie ist ein wunderbarer Schutzpanzer. Wer neugierig ist, kann doch im Grunde gar nicht scheitern, der kann nur immer wieder auf neue Dinge neugierig sein. Nichts bewahrt einen besser vor Enttäuschungen.

© SZ vom 18.6.2008/mst
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