Im Interview: Regisseur Jonathan Demme "Unter der Schrecklichkeit eines Hannibal Lecter steckt auch menschlicher Anstand."

SZ: Das Konzept der Gedankenkontrolle, das Ihrem Film zugrunde liegt, wirkt freilich schon etwas konstruiert.

Demme: Ist es aber nicht. Heutzutage werden verschiedenste Techniken entwickelt, ob Chip-Implantate oder andere Stimulationsgeräte, um Menschen von negativen Gefühlen abzubringen. Und sehen Sie sich doch an, was mit der amerikanischen Öffentlichkeit geschieht. Die wird in einem Angstzustand gehalten, damit ihre Führer alles tun können, was sie wollen. Das ist auch eine Art von Gedankenkontrolle. Mit 16 hatte ich Frankenheimers "Botschafter der Angst" gesehen - als ersten in einer Reihe von Filmen, die die US-Politik aufs Korn nahmen, wie "Dr. Seltsam" oder "Sieben Tage im Mai". Und auf einmal begriff ich, wie sehr einen Kino erschüttern konnte.

SZ: Aber hatten Sie keine Bedenken, einen Klassiker neu zu verfilmen?

Demme: Es ist völlig legitim, zu jedem Film ein Remake zu drehen. Warum sollte ich ein mittelmäßiges Originaldrehbuch einem grandiosen Klassiker vorziehen? Shakespeare wird ja auch immer wieder neu aufgeführt, ohne dass sich jemand beschwert. Und bei "Manchurian Kandidat" kann unser Film dem Original in jeder Hinsicht das Wasser reichen.

SZ: Bei Ihrem letzten Film, "Truth About Charlie", dem Remake von "Charade", hatten Sie aber weniger Fortüne.

Demme: Ich halte den Film für sehr unterhaltsam, und es gibt Kritiker, die meine Meinung teilen. Aber ich gebe zu, "Truth About Charlie" hätte noch leichter und spritziger sein können. Ursprünglich war Will Smith für die Hauptrolle vorgesehen, dann mussten wir aber auf Mark Wahlberg zurückgreifen. So kam ein anderer Film heraus als geplant.

SZ: Gibt es denn einen Film, den man nicht neu verfilmen dürfte?

Demme: Oh ja. "Das Schweigen der Lämmer". Ich habe nämlich Angst, dass die Neubearbeitung besser ist als mein Original. Das ist, wie auch "Manchurian Kandidat", ein reines Charakterdrama. Das unglaubliche Verhältnis zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling steht im Zentrum, und gleiches gilt für Denzel Washington und Liev Schreiber. Eine solche Beziehung hat es meines Wissens noch nie im Kino gegeben. Oder nehmen Sie die Figur von Meryl Streep. Sie handelt ja nicht aus verwerflichen Motiven. Sie wird getrieben von einer obsessiven Liebe zu ihrem Land und ihrem Sohn. So wie unter der Schrecklichkeit eines Hannibal Lecter auch menschlicher Anstand steckt. Es gibt, glaube ich, keine Verschwörung böser Mächte. Ein Schriftsteller hat stattdessen den Ausdruck Virtualität geprägt. Weil diese Personen an ihren eigenen Unsinn glauben, bewegen sie sich in einer virtuellen Wirklichkeit. So glaubt unsere Regierung, dass sie Krieg führen muss, um Amerika zu retten. Und das ist letztlich noch viel erschreckender. Dagegen ist "Manchurian Kandidat" ein Manifest der Wahrheit.

Interview: Rüdiger Sturm